Zur Gender-Perspektive: Mannhaft erobern
Mannhaft
erobern!
Beitrag zur Fachtagung der Universität Oldenburg am 12.12.2005
Die Soziologie spricht, wenn sie Gender-Phänomene beschreibt, von
postfeministischen Einstellungen moderner Mädchen. Das meint eine grundsätzliche
Solidarität mit dem historischen Feminismus ohne Identifikation. Frau ist sich
dabei der Genderunterschiede bewusst und nutzt sie nach Belieben. Die alte
Rollenverteilung von „Jäger und Beute“ ist längst kein Schicksal mehr sondern
chic, wenn sie gerade passt.
Und selbstverständlich beginnt mein hier vorliegender Beitrag über behinderte
Männer mit dem, was Frauen wollen. Denn danach richten sich Männer aus, ob sie
behindert sind oder nicht. Für Männer ist die Bandbreite ihres
Verhaltensrepertiors im Vergleich zu präfeministischen Zeiten umfangreicher
geworden. Sie sind gut beraten, sowohl den Jäger bieten zu können, wie die
Beute, den Beschützer, wie den Bestimmer, den Vertrauten, wie den Unfassbaren –
und alles zur rechten Zeit.
Nach wie vor besonders beliebt ist der mannhaft Erobernde. Allerdings hat er
sich dabei selbst im Griff zu behalten. Denn tief in ihm ruht die Gewalt, die
Aggression, das Testosteron. Seiner natürlichen Veranlagung entsprechend ist der
Mann – gemäß der öffentlichen Meinung – ein Gewalttäter. Tatsächlich führt er
die Statistiken zu Kriminalität, Gewalt, zu sexuellen Übergriffen, sozialen
Auffälligkeiten oder auch nur zu einfacher Störung des schulischen Unterrichts
deutlich an.
Der moderne Mann soll seine eigene Männlichkeit überwinden können, ohne sie
aufzugeben. Der gute Mann kontrolliert seine Androgene, die eigentlich schlecht
sind und nur gut, weil die Welt auch schlecht ist. Manchmal sind sie halt
nützlich, die Androgene. Der Softi, als Begleiterscheinung der Frauenbewegung
war ein Flop.
Während Männlichkeit also ambivalent betrachtet wird, quasi mit Vorsicht begehrt
ist, ist Weiblichkeit stets eindeutig positiv und im Bedarfsfalle zu schützen.
Diese kulturell verwurzelte Einstellung erschwert jungen Männern die
Identitätsentwicklung.
Wichtiger als Gender-Unterschiede sind die der Schichten
Die Ansprüche von Frauen an Männer sind nur treffend einzuschätzen, wenn
Schichtzugehörigkeiten mitgedacht werden. Selbstverständlich gilt das auch für
die Ansprüche von Männern Frauen gegenüber. Schichtzugehörigkeit ist für die
persönliche Einstellung motivierender als Genderzugehörigkeit. Das zeigen
Untersuchungen in Gymnasien und Hauptschulen. Gerade in Deutschland sind die
beiden Schultypen sehr schichtbezogen besetzt.
Der körperlich starke, der dominierende Mann ist in weniger privilegierten
Schichten beliebter, der einfühlsame, verhandlungsbereite Mann eher im
Bildungsbürgertum. Für beide hier nur grob gefassten Typen sind andere weibliche
Reize erregend und dementsprechend gestalten sich interessierte Mädchen und
Frauen unterschiedlich.
Das hat viel mit der existentiellen Frage zu tun, die schon in der Pubertät
Vorrang bekommt: Mit welcher Art Mann, mit welcher Art Frau komme ich besser
durchs Leben? Das ist die Frage nach Partnerschaft, die Frage nach Sicherheit.
Das ist für die persönliche Lebensgestaltung der wichtigste Beweggrund:
Sicherheit, der Wunsch zu überleben. Sexuelle Interessen sind nachrangig.
Frauen des Bildungsbürgertums sind in der Lage, für ihre Lebenssicherheit selber
zu sorgen. Ihnen stehen die attraktiven beruflichen Karrieren offen. Sie sind
diejenigen, die von der Frauenemanzipation am meisten profitiert haben. Ihre
älteren Jahrgänge haben die Emanzipationsbewegung selber mitgetragen. Sie suchen
beim Partner nicht so sehr die materielle Versorgung sondern die emotionale
Sicherheit. Gut durch Leben zu kommen, das bedeutet für sie, mit dem Partner
besser für Krisen gewappnet zu sein.
Frauen in weniger privilegierten Schichten sind sich ihrer beruflichen Zugänge
nicht sicher. Sie erhalten, wenn überhaupt, die schlechter bezahlten Jobs. Sie
sind weniger selbstbewusst und suchen den Partner auch zur materiellen
Absicherung. Sie setzen zur Partnerwerbung öfter erotische körperliche Reize
ein, sofern sie mit solchen begabt sind.
In diesen allgemein kulturellen Zusammenhängen stehen selbstverständlich auch
behinderte Männer und Frauen.
Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“
Mit behinderten Männern und Frauen habe ich es nicht nur durch meine eigene
Lebensgeschichte als querschnittgelähmter Mann zu tun, sondern auch beruflich
als Peer-Counselor und Psychotherapeut. Ich leite das „Institut zur
Selbst-Bestimmung Behinderter“ im niedersächsischen Trebel. Das ISBB ist vor
allem eine Sexual-Beratungsstelle. Zur Klientel gehören einzelne Ratsuchende,
aber auch Gruppen und Teams aus Einrichtungen der Behindertenarbeit,
Pädagoginnen und Pädagogen.
Mit Fachkräften aus der wissenschaftlichen Pädagogik habe ich es weniger zu tun
und treffe sie am ehesten auf solchen Veranstaltungen wie der, für die dieser
Beitrag geschrieben worden ist. Der wissenschaftlichen Pädagogik mache ich den
Vorwurf,
dass sie den behinderten Menschen, sofern dieser Gegenstand ihres Interesses
ist, nicht ganzheitlich sehen. Wissenschaftliche Pädagogik klammert die
Sexualität behinderter Menschen weitgehend aus.
Zu mir kommen oft Menschen, denen es gut getan hätte, wenn sie in Schule,
Werkstatt und Wohnheim mehr Fachkräften begegnet wären, die in ihrer eigenen
Ausbildung einen sichereren Umgang mit Sexualität sich hätten aneignen können.
In den pädagogischen Fakultäten ist leider immer noch die Emanzipation
behinderter Menschen ein Fremdwort. Pädagogik macht es sich zu leicht, wenn sie
sich nur mit der beruflichen Karriere eines Menschen beschäftigt, wenn sie
Integration lediglich als soziale Eingliederung versteht. Behinderte wollen
selbstverständlich einen sicheren Platz in der Gesellschaft. Da helfen ihnen
jede Menge professionelle Fachkräfte. Die sorgen etwa dafür, dass die
betreffenden Behinderten einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Die gleichen
Kräfte wundern sich aber, wenn der Schwerbehindertenausweis seinen Besitzern bei
der Partnerwerbung überaus peinlich ist.
Wenn ich aus wissenschaftlicher Perspektive höre, dass traditionelle
Männlichkeitsbilder das soziale und emotionale Lernen erschweren, dann wird
nicht bedacht, dass die Kultusministerkonferenz, die die pädagogischen Lehrpläne
bestimmt, etwas ganz anderes will als die Lehrmeisterinnen auf dem Markt der
Partnerwahl. Männer wollen nicht nur wissen, was Schule will. Sie interessiert
ab einem bestimmten Alter eher, was Frauen wollen. Mit letzterer Frage
beschäftigen sich die behinderten Männer innerhalb des Angebotes unseres
Institutes. Viele behinderte Männer leiden darunter, dass sich den Anforderungen
des traditionellen Männerbildes nicht nachkommen können. Denn das ist begehrt.
Viele lernbehinderte Männer etwa haben wegen ihrer Einschränkungen nicht die
Möglichkeit, privilegierten Schichten anzugehören. Wenn sie sich aus den
Subsystemen Wohnheim und WfB herausentwickeln wollen, treffen sie auf Frauen,
die selber nicht zu den privilegierten Schichten gehören. Sie treffen auf das
traditionelle Bild von Männlichkeit, das in diesen Schichten attraktiv macht.
Sie treffen auf Frauen, die ihnen vermitteln: Sei stark, setz dich durch, sei
ein Mann. Sind die Betreffenden dann auch noch Führer einer Gang, dann haben sie
viele Chancen eine Partnerin zu finden, fürs Leben und für den Sex.
Lernbehinderte Männer, geistig behinderte Männer, körperbehinderte Männer
treffen sich in unserem Institut. Aus ihren Aussagen kommen die Inhalte, die ich
in diesem Beitrag vermitteln will.
Ganz besonders die körperbehinderten Männer leiden darunter, dass die
öffentliche Meinung sie in vielen Lebensbereichen außer Konkurrenz setzt. Weder
auf dem Arbeitsmarkt noch auf dem Markt der Partnerschaft werden sie als
Konkurrenten gesehen. Selbst wenn sie über hervorragende Fähigkeiten verfügen,
haben sie mit vielen Einstellungshindernissen zu kämpfen, die ihnen keine Chance
geben. Unsere emanzipatorische Arbeit besteht zum großen Teil daraus, als
behinderter Mann mit diesen Einstellungsbarrieren umgehen zu können. Wir wollen
uns wieder in die Konkurrenz begeben, nicht über den Weg des
Schwerbehindertengesetzes mit seinen Ausgleichsabgaben sondern über den Weg der
Emanzipation. Emanzipation bedeutet, sich von traditionellen Rollenbildern über
behinderte Menschen zu befreien. Selbstbewusstsein behinderter Männer bedeutet,
die kulturelle Verunsicherung von Frauen uns gegenüber zu kennen und im Flirt zu
berücksichtigen.
Außer Konkurrenz gesetzt zu werden, das erfahren behinderte Männer (und Frauen)
in der Regel schon zu Beginn ihrer Sozialisation. Die Identität eines Menschen
entsteht auch indem er merkt, welche Aufträge seine Eltern für ihn haben. Schon
wenn Paare sich Kinder als Idee entwerfen, verbinden sie mit diesen Kindern
Wünsche und Hoffnungen. Das stiftet Identität. In der Beratung des ISBB bekommen
wir häufig einen Zugang zu solchen Aufträgen, indem wir gemeinsam mit dem
Ratsuchenden die Frage stellen, wie er oder sie denn zum Namen gekommen sind,
zum Vornamen. Viele glauben, ihre Namensgebung sei vom Zufall bestimmt worden.
Natürlich gibt es in der Kommunikation – und Namensgebung ist Kommunikation –
keinen Zufall.
Aber es gibt noch viele andere Wege, über die behinderte Kinder mitbekommen,
welche Aufträge ursprünglich für sie vorgesehen waren. Wenn sie Geschwister
haben, können sie zum Beispiel an deren Biographie erfahren, welche Ideen
ursprünglich mit ihnen selbst verbunden waren.
Diese Ideen und Aufträge werden regelmäßig entzogen, wenn beim betreffenden Kind
eine Behinderung anerkannt werden muss. Die Identität verändert sich. Die
Betreffenden bekommen andere Aufträge. Hoffnungen werden begraben. Sie werden
außer Konkurrenz gesetzt, sie werden geschont. Leiden wird von ihnen auch
unnötiger Weise fern gehalten.
Für behinderte Männer ist es umso belastender, außer Konkurrenz gesetzt zu
werden, da Männer traditionell auf Konkurrenz hin erzogen werden.
Konkurrenzfähigkeit gehört zum traditionellen Männerbild.
Emanzipation bedeutet, als Konkurrenten wahrgenommen zu werden. In der
öffentlichen Meinung. Öffentliche Meinung wird produziert, etwa durch
öffentliches Verhalten. Wenn Behinderte zu Beispiel im öffentlichen
Personenverkehr, also in Bussen und Bahnen, nicht bezahlen müssen, werden sie
außer Konkurrenz gesetzt. Auch die vielen anderen demonstrativen so genannten
Ausgleichsmaßnahmen werden als Vergünstigungen wahrgenommen und zementieren
unser traditionelles Rollenbild vom armen Behinderten. Gesellschaft könnte einen
anderen Weg gehen, um Nachteile auszugleichen, etwa ein gesichertes
Grundeinkommen für alle oder Mindesteinkommen, die auch in der WfB bezahlt
werden. Solche Modelle werden für Nichtbehinderte ja schon diskutiert. Die
Behindertenbewegung stellt aber keine entsprechenden Forderungen sondern kämpft
krampfhaft weiter für jede einzelne Vergünstigung.
Um als Partner attraktiv zu sein, ist es gut, über ein sicheres Einkommen zu
verfügen, über einen selbstbestimmten Wohnraum, über sichere Mobilität und über
Zugang zum geselligen Raum. Lebensnäher ausgedrückt heißt das. Ich muss einer
möglichen Partnerin als Mann ganz traditionell zeigen können,
dass ich in der Lage bin,
- der Armut dauerhaft zu entgehen, vielleicht sogar Ernährer einer Familie sein
zu können,
- ein eigenes Nest zu haben, in das ich sie mal einladen kann,
- sie auch mal besuchen kann und mit ihr „ausgehen“ kann,
- Spaß zu haben.
Wenn ich eingangs behauptet habe, die Ansprüche an Partner und Partnerinnen
seien ohne eine Beachtung sichtbezogener Werte nicht exakt zu erfassen, so meine
ich auch, dass die Ansprüche behinderter Menschen nicht exakt zu erfassen sind
ohne auf die Einschränkungen typischer Subgruppen einzugehen. Wie die
Bedingungen der Milieus wichtiger für persönliche Einstellungen als die
Genderzugehörigkeit, so sind auch die Zugehörigkeiten zu typischen Subgruppen
behinderter Menschen wichtiger als Genderzugehörigkeit. Es ist also nicht
verwunderlich, dass vieles von dem hier Beschriebenen auch auf behinderte Frauen
zutrifft. Einige Aspekte, wie etwa der Konkurrenzentzug, sind aber für
behinderte Männer wesentlicher.
Behinderte Männer, die in allen wesentlichen Lebensbereichen auf die Hilfe
nichtbehinderter Menschen angewiesen sind, wie das etwa bei geistig behinderten
der Fall ist, sind vom Konkurrenzentzug nicht so sehr eingeschränkt. Sie sorgen
sich eher um das Wohlergehen ihrer Bezugspersonen. Ihre Lebenssicherheit
gewinnen sie nicht aus sich heraus sondern über die Bindung an nichtbehinderte
Menschen und über die Bindung dieser Menschen an sich. Diese Besonderheit der
Beziehungen von Betreuenden und Betreuten hat die wissenschaftliche Pädagogik
auch noch nicht entdeckt. Es ist durchaus nicht so, dass sich die
Professionellen lediglich um die behinderten Menschen kümmern. Einen Großteil
ihrer Energien brauchen behinderte Betreute, um für Bindung zu sorgen. Was
Betreuende in solchen Beziehungen nicht denken können und nicht aushalten
können, wird von den Betreuten dann auch nicht thematisiert. Solche
Rücksichtnahme auf Betreuende kommt sehr häufig beim Thema Sexualität vor.
Betreuende können dem Thema Sexualität nie unbefangen begegnen, dazu ist
Sexualität auch für sie zu bedrohlich.
Rücksichtnahme erhöht sich bei behinderten Männern, deren Bezugspersonen Frauen
sind. In Betreuungsverhältnissen sind aber überwiegend weibliche Professionelle
beschäftigt.
Hilfreich für behinderte Männer in Einrichtungen ist es jedoch, dass sie anders
als Frauen Entzugssymptome öfter als Aggressionen äußern und nicht als
Depressionen. Aggressionen stören den Tagesablauf in pädagogischen
Einrichtungen, Depressionen nicht. Daher bekommen behinderte Männer in
Betreuungsverhältnissen mehr Hilfe.
Das bedeutendste Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung bezüglich
Partnerschaft und Sexualität ist jedoch wiederum ein kulturelles
Einstellungsmuster. Das hat zu tun mit der Verteilung von Anerkennung in unserer
Kultur. Stellen wir einmal ideale Eigenschaften zusammen, die viel Anerkennung
bringen und daher Attraktivität ausmachen, so bekommen wir Eigenschaften wie
Schönheit, Intelligenz, Gesundheit, Sportlichkeit, Leistungsfähigkeit. Kehren
wir die Eigenschaften des Idealtypus um so bekommen wir das Bild, das sich die
Öffentliche Meinung vom Behinderten gemacht hat. Er ist dumm, krank, hässlich,
lahm, leistungsunfähig usw. Damit nimmt er die unterste Stufe der
Wertehierarchie ein. Wer diese gesellschaftliche Position einnimmt muss leiden.
Behinderung wird dem entsprechend mit Leiden gleichgesetzt. Behinderung ist
Leiden und sonst nichts.
Nun hat sich in unserer christlich geprägten Kultur eine Reaktion etabliert, die
sich an dem Verhalten unseres Kulturleitbildes Jesus Christus orientiert hat.
Egal ob es ihn wirklich gegeben hat oder nicht. Die Geschichten um ihn haben
sich in unseren Köpfen festgesetzt und damit das Muster, dass dem Leidenden zu
helfen ist. Leiden muss beseitigt werden soweit es geht. Da der behinderte
Mensch jedoch als leidender gesehen wird, muss im geholfen werden. Auf keinen
Fall darf sein Leiden erhöht werden.
Bezogen auf Partnerschaft und Sexualität bedeutet das den Entzug von
Liebeskummer. Partnerschaft und Sexualität wird in unserer heutigen Zeit
zunächst ausprobiert. Menschen müssen nach dem ersten Kuss nicht mehr für immer
zusammen bleiben. Es sei denn einer von beiden gilt als behindert. Mit
behinderten Menschen kann man nicht ausprobieren, von ihnen kann Mann und Frau
sich nicht mehr trennen. Denn dann leiden die Behinderten. Dafür allerdings
persönlich verantwortlich zu sein, das ist unter Strafe eines schlechten
Gewissens verboten.
Als Hilfsbedürftiger, Leidender als Schutzbedürftiger bin ich nicht attraktiv.
Das trifft behinderte Männer stärker as behinderte Frauen. Zu ihrem Rollenbild
gehört Schutzbedürftigkeit eher.
Nun aber genug lamentiert. Was ist gegen all diese Erschwernisse zu tun?
Zunächst stehen wir behinderten Menschen selber in der Verantwortung. Wir müssen
uns ein klares Bild über die gesellschaftlichen Zwänge machen in denen wir
leben. Wir müssen uns Strategien aneignen, die mit der Welt fertig werden, die
es ja fatalerweise bei unserer Entmündigung gut mit uns meint. In der
Selbsterfahrung des ISBB tun wir das. Andere Institutionen könnten eine
wunderbare Hilfe dabei sein. Sonderschulen etwa könnten uns ein positives Bild
von uns als behinderte Menschen vermitteln. Das machen sie aber in der Regel
nicht. Sie fördern leider kein Selbstbewusstsein als Behinderter, sie passen an
und fordern uns eher auf, unsere Behinderung zu bekämpfen, uns nicht von ihr
unterkriegen zu lassen. Dazu kommen die vielen Therapien, die oft genug zu
Kriegslagebesprechungen im Kampf gegen unsere Behinderung verkommen.
Sonderschulen könnten zum Beispiel viel öfter positive Rollenvorbilder in den
Unterricht einladen. Das sind etwa ehemalige Schülerinnen und Schüler, die für
sich einen Platz in der Gesellschaft gefunden haben und eine Partner oder einen
Partner. Die könnten erzählen, wie sie das hingekriegt haben. Sonderschulen
könnten Emanzipationskurse anbieten, in denen sich Schülerinnen und Schüler auf
die zu erwartenden Diskriminierungen vorbereiten können durch die Entwicklung
eines gesunden Selbstbewusstseins. Ich hatte schon Gelegenheit, mit behinderten
Schülern die Frage zu beantworten, wann der Mann ein Mann ist. Solche noch
vereinzelten Angebote an den Schulen geben Jungen die Möglichkeit, nicht nur
über die Anforderungen der Schule, der Eltern, der Berufswelt zu sprechen,
sondern auch über die Anforderungen von Mädchen und Frauen an sie als Lebens-
und als Sexpartner. In solchen Gruppen kann es gelingen, auch schwierige Fragen
zu beantworten, Fragen nach Homosexualität, Inkontinenz, Zeugungshilfen,
Vaterschaft, sexuelle Praktiken, die die eigenen behinderungsbedingten
Einschränkungen ausgleichen. Gute Antworten darauf erhöhen das Selbstwertgefühl.
Gerade die Sonderschule hätte mit ihrer typischen Lehrplanfreiheit beste
Chancen, emanzipatorisch wirken zu können. Eine emanzipatorische Pädagogik
könnte sogar in Sonderschulen besser gelehrt werden als in Regelschulen.
Egal aber wo behinderte junge Menschen unterrichtet werden, immer muss Pubertät
ganzheitlich gedacht werden, also unter Einbeziehung der hormonellen
Entwicklung. Ein wenig Aufklärungsunterricht am Plastikmodell reicht da nicht
aus.
Gerade für behinderte Männer wäre es wichtig, wenn ihnen nicht jede Krise
genommen würde. Professionelle Fachkräfte sind leider traditionell bemüht,
behinderten „Schutzbefohlenen“ jedes aufkommende oder auch nur erahnte Problem
schon im Vorfeld zu beseitigen. Moderne Pädagogik stelle ich mir vor als eine
Hilfe, durch Krisen und Konflikte zu lernen, konflikt- und krisenerfahren zu
werden. Das bedeutet aber, Konflikte und Krisen zunächst aushalten zu können.
Frauen suchen nicht immer nur den körperlich attraktiven Mann. Frauen finden
Männer auch attraktiv, die ihnen helfen können, durch Lebenskrisen zu kommen.
Männer, die Konflikte nicht scheuen. Männer, die was wagen, - ganz traditionell.
Da hätten gerade behinderte Männer viele Chancen, wenn sie zeigen könnten, dass
sie trotz individueller Einschränkungen sich und ihrer Partnerin ein sicheres
und wenig belastetes Leben aufbauen können. Frau glaubt behinderten Männern die
Krisenerfahrenheit. Führen sie dennoch ein angenehmes und abgesichertes Leben
sind sie attraktiv.
Männer sind umso attraktiver, je mehr Selbstwertgefühl sie ganz ohne
Übertreibung leben. Das gilt für behinderte Männer und nichtbehinderte. Aber
gerade daran fehlt es behinderten Männern oft. In unserem Institut arbeiten wir
an unserem Selbstbewusstsein und unserem Selbstwertgefühl. Wir tun das besonders
in unseren Erotik-Workshops, in denen wir auch ganz praktische sexuelle
Erfahrungen organisieren und Krisen nicht ausweichen. Wir wissen, dass Frauen -
ganz traditionell – von uns Männern erwarten, dass wir bei der „Anmache“ den
aktiven Part übernehmen. Wir sollen zwar sensibel sein für ihre Zeichen der
Bereitschaft, aber dann muss schon Männern was Passendes einfallen, das sie sich
dann auch umzusetzen trauen. So etwas üben Männer im richtigen Leben ein und
erhalten selbstverständlich auch jede Menge „Körbe“. So etwa kann man aber auch
in Selbsterfahrungsgruppen lernen, sowohl das Flirten als auch die Verarbeitung
von Ablehnung. Im Durchschnitt sammeln behinderte Männer mehr Körbe als
nichtbehinderte.
Mehr als das traditionelle Männerbild schränken behinderte Männer die
traditionellen Vorstellungen über Sexualität ein. Den immer potenten und starken
Liebhaber könne die meisten von uns noch weniger bieten als nichtbehinderte
Männer. Unsere Körper hindern uns oft bei manch akrobatischer Liebesstellung.
Manchmal fordern unsere Einschränkungen von uns, den passiveren Teil einzunehmen
beim körperlichen Liebesspiel.
Mehr als beim traditionellen Männerbild sind die traditionellen Vorstellungen
von Sex aber tatsächlich nur Vorstellungen von Männern. Viele Frauen wünschen
sich sogar eine Sexualität, in der der Penis keine dominante Rolle spielt. Viele
Frauen lieben Oralität, lieben die sanften Berührungen. Würde sich die weibliche
Auffassung von Sexualität in unserer Kultur durchsetzen, wäre das für die
meisten behinderten Männer gut – und vielleicht sogar für alle Männer. Kein
Wunder, dass wir in unserem ISBB nicht nur einen leichteren Zugang zu Sexualität
einüben, sondern auch eine andere Sexualität propagieren.
Was Frauen auf keinen Fall mehr in uns sehen sollten ist der ideale gute Freund,
dem sie alles so frei erzählen können, weil wir ja nie auf die Idee kommen
würden, uns in sie zu verlieben. Das sollten wir gleich mal ganz klar stellen:
Auch wir sind interessiert, und haben wir keinen Erfolg mit unserem Interesse,
so ist das schon mal einer. Wir werden als Konkurrenten wahrgenommen. Ganz
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