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Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter

                                   

 

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Zur Gender-Perspektive: Mannhaft erobern

Mannhaft erobern!

Beitrag zur Fachtagung der Universität Oldenburg am 12.12.2005


Die Soziologie spricht, wenn sie Gender-Phänomene beschreibt, von postfeministischen Einstellungen moderner Mädchen. Das meint eine grundsätzliche Solidarität mit dem historischen Feminismus ohne Identifikation. Frau ist sich dabei der Genderunterschiede bewusst und nutzt sie nach Belieben. Die alte Rollenverteilung von „Jäger und Beute“ ist längst kein Schicksal mehr sondern chic, wenn sie gerade passt.

Und selbstverständlich beginnt mein hier vorliegender Beitrag über behinderte Männer mit dem, was Frauen wollen. Denn danach richten sich Männer aus, ob sie behindert sind oder nicht. Für Männer ist die Bandbreite ihres Verhaltensrepertiors im Vergleich zu präfeministischen Zeiten umfangreicher geworden. Sie sind gut beraten, sowohl den Jäger bieten zu können, wie die Beute, den Beschützer, wie den Bestimmer, den Vertrauten, wie den Unfassbaren – und alles zur rechten Zeit.

Nach wie vor besonders beliebt ist der mannhaft Erobernde. Allerdings hat er sich dabei selbst im Griff zu behalten. Denn tief in ihm ruht die Gewalt, die Aggression, das Testosteron. Seiner natürlichen Veranlagung entsprechend ist der Mann – gemäß der öffentlichen Meinung – ein Gewalttäter. Tatsächlich führt er die Statistiken zu Kriminalität, Gewalt, zu sexuellen Übergriffen, sozialen Auffälligkeiten oder auch nur zu einfacher Störung des schulischen Unterrichts deutlich an.

Der moderne Mann soll seine eigene Männlichkeit überwinden können, ohne sie aufzugeben. Der gute Mann kontrolliert seine Androgene, die eigentlich schlecht sind und nur gut, weil die Welt auch schlecht ist. Manchmal sind sie halt nützlich, die Androgene. Der Softi, als Begleiterscheinung der Frauenbewegung war ein Flop.

Während Männlichkeit also ambivalent betrachtet wird, quasi mit Vorsicht begehrt ist, ist Weiblichkeit stets eindeutig positiv und im Bedarfsfalle zu schützen. Diese kulturell verwurzelte Einstellung erschwert jungen Männern die Identitätsentwicklung.

Wichtiger als Gender-Unterschiede sind die der Schichten

Die Ansprüche von Frauen an Männer sind nur treffend einzuschätzen, wenn Schichtzugehörigkeiten mitgedacht werden. Selbstverständlich gilt das auch für die Ansprüche von Männern Frauen gegenüber. Schichtzugehörigkeit ist für die persönliche Einstellung motivierender als Genderzugehörigkeit. Das zeigen Untersuchungen in Gymnasien und Hauptschulen. Gerade in Deutschland sind die beiden Schultypen sehr schichtbezogen besetzt.

Der körperlich starke, der dominierende Mann ist in weniger privilegierten Schichten beliebter, der einfühlsame, verhandlungsbereite Mann eher im Bildungsbürgertum. Für beide hier nur grob gefassten Typen sind andere weibliche Reize erregend und dementsprechend gestalten sich interessierte Mädchen und Frauen unterschiedlich.

Das hat viel mit der existentiellen Frage zu tun, die schon in der Pubertät Vorrang bekommt: Mit welcher Art Mann, mit welcher Art Frau komme ich besser durchs Leben? Das ist die Frage nach Partnerschaft, die Frage nach Sicherheit. Das ist für die persönliche Lebensgestaltung der wichtigste Beweggrund: Sicherheit, der Wunsch zu überleben. Sexuelle Interessen sind nachrangig.

Frauen des Bildungsbürgertums sind in der Lage, für ihre Lebenssicherheit selber zu sorgen. Ihnen stehen die attraktiven beruflichen Karrieren offen. Sie sind diejenigen, die von der Frauenemanzipation am meisten profitiert haben. Ihre älteren Jahrgänge haben die Emanzipationsbewegung selber mitgetragen. Sie suchen beim Partner nicht so sehr die materielle Versorgung sondern die emotionale Sicherheit. Gut durch Leben zu kommen, das bedeutet für sie, mit dem Partner besser für Krisen gewappnet zu sein.

Frauen in weniger privilegierten Schichten sind sich ihrer beruflichen Zugänge nicht sicher. Sie erhalten, wenn überhaupt, die schlechter bezahlten Jobs. Sie sind weniger selbstbewusst und suchen den Partner auch zur materiellen Absicherung. Sie setzen zur Partnerwerbung öfter erotische körperliche Reize ein, sofern sie mit solchen begabt sind.

In diesen allgemein kulturellen Zusammenhängen stehen selbstverständlich auch behinderte Männer und Frauen.

Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“

Mit behinderten Männern und Frauen habe ich es nicht nur durch meine eigene Lebensgeschichte als querschnittgelähmter Mann zu tun, sondern auch beruflich als Peer-Counselor und Psychotherapeut. Ich leite das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ im niedersächsischen Trebel. Das ISBB ist vor allem eine Sexual-Beratungsstelle. Zur Klientel gehören einzelne Ratsuchende, aber auch Gruppen und Teams aus Einrichtungen der Behindertenarbeit, Pädagoginnen und Pädagogen.

Mit Fachkräften aus der wissenschaftlichen Pädagogik habe ich es weniger zu tun und treffe sie am ehesten auf solchen Veranstaltungen wie der, für die dieser Beitrag geschrieben worden ist. Der wissenschaftlichen Pädagogik mache ich den Vorwurf,
dass sie den behinderten Menschen, sofern dieser Gegenstand ihres Interesses ist, nicht ganzheitlich sehen. Wissenschaftliche Pädagogik klammert die Sexualität behinderter Menschen weitgehend aus.

Zu mir kommen oft Menschen, denen es gut getan hätte, wenn sie in Schule, Werkstatt und Wohnheim mehr Fachkräften begegnet wären, die in ihrer eigenen Ausbildung einen sichereren Umgang mit Sexualität sich hätten aneignen können.

In den pädagogischen Fakultäten ist leider immer noch die Emanzipation behinderter Menschen ein Fremdwort. Pädagogik macht es sich zu leicht, wenn sie sich nur mit der beruflichen Karriere eines Menschen beschäftigt, wenn sie Integration lediglich als soziale Eingliederung versteht. Behinderte wollen selbstverständlich einen sicheren Platz in der Gesellschaft. Da helfen ihnen jede Menge professionelle Fachkräfte. Die sorgen etwa dafür, dass die betreffenden Behinderten einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Die gleichen Kräfte wundern sich aber, wenn der Schwerbehindertenausweis seinen Besitzern bei der Partnerwerbung überaus peinlich ist.

Wenn ich aus wissenschaftlicher Perspektive höre, dass traditionelle Männlichkeitsbilder das soziale und emotionale Lernen erschweren, dann wird nicht bedacht, dass die Kultusministerkonferenz, die die pädagogischen Lehrpläne bestimmt, etwas ganz anderes will als die Lehrmeisterinnen auf dem Markt der Partnerwahl. Männer wollen nicht nur wissen, was Schule will. Sie interessiert ab einem bestimmten Alter eher, was Frauen wollen. Mit letzterer Frage beschäftigen sich die behinderten Männer innerhalb des Angebotes unseres Institutes. Viele behinderte Männer leiden darunter, dass sich den Anforderungen des traditionellen Männerbildes nicht nachkommen können. Denn das ist begehrt.

Viele lernbehinderte Männer etwa haben wegen ihrer Einschränkungen nicht die Möglichkeit, privilegierten Schichten anzugehören. Wenn sie sich aus den Subsystemen Wohnheim und WfB herausentwickeln wollen, treffen sie auf Frauen, die selber nicht zu den privilegierten Schichten gehören. Sie treffen auf das traditionelle Bild von Männlichkeit, das in diesen Schichten attraktiv macht. Sie treffen auf Frauen, die ihnen vermitteln: Sei stark, setz dich durch, sei ein Mann. Sind die Betreffenden dann auch noch Führer einer Gang, dann haben sie viele Chancen eine Partnerin zu finden, fürs Leben und für den Sex.

Lernbehinderte Männer, geistig behinderte Männer, körperbehinderte Männer treffen sich in unserem Institut. Aus ihren Aussagen kommen die Inhalte, die ich in diesem Beitrag vermitteln will.

Ganz besonders die körperbehinderten Männer leiden darunter, dass die öffentliche Meinung sie in vielen Lebensbereichen außer Konkurrenz setzt. Weder auf dem Arbeitsmarkt noch auf dem Markt der Partnerschaft werden sie als Konkurrenten gesehen. Selbst wenn sie über hervorragende Fähigkeiten verfügen, haben sie mit vielen Einstellungshindernissen zu kämpfen, die ihnen keine Chance geben. Unsere emanzipatorische Arbeit besteht zum großen Teil daraus, als behinderter Mann mit diesen Einstellungsbarrieren umgehen zu können. Wir wollen uns wieder in die Konkurrenz begeben, nicht über den Weg des Schwerbehindertengesetzes mit seinen Ausgleichsabgaben sondern über den Weg der Emanzipation. Emanzipation bedeutet, sich von traditionellen Rollenbildern über behinderte Menschen zu befreien. Selbstbewusstsein behinderter Männer bedeutet, die kulturelle Verunsicherung von Frauen uns gegenüber zu kennen und im Flirt zu berücksichtigen.

Außer Konkurrenz gesetzt zu werden, das erfahren behinderte Männer (und Frauen) in der Regel schon zu Beginn ihrer Sozialisation. Die Identität eines Menschen entsteht auch indem er merkt, welche Aufträge seine Eltern für ihn haben. Schon wenn Paare sich Kinder als Idee entwerfen, verbinden sie mit diesen Kindern Wünsche und Hoffnungen. Das stiftet Identität. In der Beratung des ISBB bekommen wir häufig einen Zugang zu solchen Aufträgen, indem wir gemeinsam mit dem Ratsuchenden die Frage stellen, wie er oder sie denn zum Namen gekommen sind, zum Vornamen. Viele glauben, ihre Namensgebung sei vom Zufall bestimmt worden. Natürlich gibt es in der Kommunikation – und Namensgebung ist Kommunikation – keinen Zufall.

Aber es gibt noch viele andere Wege, über die behinderte Kinder mitbekommen, welche Aufträge ursprünglich für sie vorgesehen waren. Wenn sie Geschwister haben, können sie zum Beispiel an deren Biographie erfahren, welche Ideen ursprünglich mit ihnen selbst verbunden waren.

Diese Ideen und Aufträge werden regelmäßig entzogen, wenn beim betreffenden Kind eine Behinderung anerkannt werden muss. Die Identität verändert sich. Die Betreffenden bekommen andere Aufträge. Hoffnungen werden begraben. Sie werden außer Konkurrenz gesetzt, sie werden geschont. Leiden wird von ihnen auch unnötiger Weise fern gehalten.

Für behinderte Männer ist es umso belastender, außer Konkurrenz gesetzt zu werden, da Männer traditionell auf Konkurrenz hin erzogen werden. Konkurrenzfähigkeit gehört zum traditionellen Männerbild.

Emanzipation bedeutet, als Konkurrenten wahrgenommen zu werden. In der öffentlichen Meinung. Öffentliche Meinung wird produziert, etwa durch öffentliches Verhalten. Wenn Behinderte zu Beispiel im öffentlichen Personenverkehr, also in Bussen und Bahnen, nicht bezahlen müssen, werden sie außer Konkurrenz gesetzt. Auch die vielen anderen demonstrativen so genannten Ausgleichsmaßnahmen werden als Vergünstigungen wahrgenommen und zementieren unser traditionelles Rollenbild vom armen Behinderten. Gesellschaft könnte einen anderen Weg gehen, um Nachteile auszugleichen, etwa ein gesichertes Grundeinkommen für alle oder Mindesteinkommen, die auch in der WfB bezahlt werden. Solche Modelle werden für Nichtbehinderte ja schon diskutiert. Die Behindertenbewegung stellt aber keine entsprechenden Forderungen sondern kämpft krampfhaft weiter für jede einzelne Vergünstigung.

Um als Partner attraktiv zu sein, ist es gut, über ein sicheres Einkommen zu verfügen, über einen selbstbestimmten Wohnraum, über sichere Mobilität und über Zugang zum geselligen Raum. Lebensnäher ausgedrückt heißt das. Ich muss einer möglichen Partnerin als Mann ganz traditionell zeigen können,
dass ich in der Lage bin,
- der Armut dauerhaft zu entgehen, vielleicht sogar Ernährer einer Familie sein zu können,
- ein eigenes Nest zu haben, in das ich sie mal einladen kann,
- sie auch mal besuchen kann und mit ihr „ausgehen“ kann,
- Spaß zu haben.


Wenn ich eingangs behauptet habe, die Ansprüche an Partner und Partnerinnen seien ohne eine Beachtung sichtbezogener Werte nicht exakt zu erfassen, so meine ich auch, dass die Ansprüche behinderter Menschen nicht exakt zu erfassen sind ohne auf die Einschränkungen typischer Subgruppen einzugehen. Wie die Bedingungen der Milieus wichtiger für persönliche Einstellungen als die Genderzugehörigkeit, so sind auch die Zugehörigkeiten zu typischen Subgruppen behinderter Menschen wichtiger als Genderzugehörigkeit. Es ist also nicht verwunderlich, dass vieles von dem hier Beschriebenen auch auf behinderte Frauen zutrifft. Einige Aspekte, wie etwa der Konkurrenzentzug, sind aber für behinderte Männer wesentlicher.

Behinderte Männer, die in allen wesentlichen Lebensbereichen auf die Hilfe nichtbehinderter Menschen angewiesen sind, wie das etwa bei geistig behinderten der Fall ist, sind vom Konkurrenzentzug nicht so sehr eingeschränkt. Sie sorgen sich eher um das Wohlergehen ihrer Bezugspersonen. Ihre Lebenssicherheit gewinnen sie nicht aus sich heraus sondern über die Bindung an nichtbehinderte Menschen und über die Bindung dieser Menschen an sich. Diese Besonderheit der Beziehungen von Betreuenden und Betreuten hat die wissenschaftliche Pädagogik auch noch nicht entdeckt. Es ist durchaus nicht so, dass sich die Professionellen lediglich um die behinderten Menschen kümmern. Einen Großteil ihrer Energien brauchen behinderte Betreute, um für Bindung zu sorgen. Was Betreuende in solchen Beziehungen nicht denken können und nicht aushalten können, wird von den Betreuten dann auch nicht thematisiert. Solche Rücksichtnahme auf Betreuende kommt sehr häufig beim Thema Sexualität vor. Betreuende können dem Thema Sexualität nie unbefangen begegnen, dazu ist Sexualität auch für sie zu bedrohlich.
Rücksichtnahme erhöht sich bei behinderten Männern, deren Bezugspersonen Frauen sind. In Betreuungsverhältnissen sind aber überwiegend weibliche Professionelle beschäftigt.

Hilfreich für behinderte Männer in Einrichtungen ist es jedoch, dass sie anders als Frauen Entzugssymptome öfter als Aggressionen äußern und nicht als Depressionen. Aggressionen stören den Tagesablauf in pädagogischen Einrichtungen, Depressionen nicht. Daher bekommen behinderte Männer in Betreuungsverhältnissen mehr Hilfe.

Das bedeutendste Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung bezüglich Partnerschaft und Sexualität ist jedoch wiederum ein kulturelles Einstellungsmuster. Das hat zu tun mit der Verteilung von Anerkennung in unserer Kultur. Stellen wir einmal ideale Eigenschaften zusammen, die viel Anerkennung bringen und daher Attraktivität ausmachen, so bekommen wir Eigenschaften wie Schönheit, Intelligenz, Gesundheit, Sportlichkeit, Leistungsfähigkeit. Kehren wir die Eigenschaften des Idealtypus um so bekommen wir das Bild, das sich die Öffentliche Meinung vom Behinderten gemacht hat. Er ist dumm, krank, hässlich, lahm, leistungsunfähig usw. Damit nimmt er die unterste Stufe der Wertehierarchie ein. Wer diese gesellschaftliche Position einnimmt muss leiden. Behinderung wird dem entsprechend mit Leiden gleichgesetzt. Behinderung ist Leiden und sonst nichts.
Nun hat sich in unserer christlich geprägten Kultur eine Reaktion etabliert, die sich an dem Verhalten unseres Kulturleitbildes Jesus Christus orientiert hat. Egal ob es ihn wirklich gegeben hat oder nicht. Die Geschichten um ihn haben sich in unseren Köpfen festgesetzt und damit das Muster, dass dem Leidenden zu helfen ist. Leiden muss beseitigt werden soweit es geht. Da der behinderte Mensch jedoch als leidender gesehen wird, muss im geholfen werden. Auf keinen Fall darf sein Leiden erhöht werden.

Bezogen auf Partnerschaft und Sexualität bedeutet das den Entzug von Liebeskummer. Partnerschaft und Sexualität wird in unserer heutigen Zeit zunächst ausprobiert. Menschen müssen nach dem ersten Kuss nicht mehr für immer zusammen bleiben. Es sei denn einer von beiden gilt als behindert. Mit behinderten Menschen kann man nicht ausprobieren, von ihnen kann Mann und Frau sich nicht mehr trennen. Denn dann leiden die Behinderten. Dafür allerdings persönlich verantwortlich zu sein, das ist unter Strafe eines schlechten Gewissens verboten.

Als Hilfsbedürftiger, Leidender als Schutzbedürftiger bin ich nicht attraktiv. Das trifft behinderte Männer stärker as behinderte Frauen. Zu ihrem Rollenbild gehört Schutzbedürftigkeit eher.

Nun aber genug lamentiert. Was ist gegen all diese Erschwernisse zu tun?

Zunächst stehen wir behinderten Menschen selber in der Verantwortung. Wir müssen uns ein klares Bild über die gesellschaftlichen Zwänge machen in denen wir leben. Wir müssen uns Strategien aneignen, die mit der Welt fertig werden, die es ja fatalerweise bei unserer Entmündigung gut mit uns meint. In der Selbsterfahrung des ISBB tun wir das. Andere Institutionen könnten eine wunderbare Hilfe dabei sein. Sonderschulen etwa könnten uns ein positives Bild von uns als behinderte Menschen vermitteln. Das machen sie aber in der Regel nicht. Sie fördern leider kein Selbstbewusstsein als Behinderter, sie passen an und fordern uns eher auf, unsere Behinderung zu bekämpfen, uns nicht von ihr unterkriegen zu lassen. Dazu kommen die vielen Therapien, die oft genug zu Kriegslagebesprechungen im Kampf gegen unsere Behinderung verkommen.

Sonderschulen könnten zum Beispiel viel öfter positive Rollenvorbilder in den Unterricht einladen. Das sind etwa ehemalige Schülerinnen und Schüler, die für sich einen Platz in der Gesellschaft gefunden haben und eine Partner oder einen Partner. Die könnten erzählen, wie sie das hingekriegt haben. Sonderschulen könnten Emanzipationskurse anbieten, in denen sich Schülerinnen und Schüler auf die zu erwartenden Diskriminierungen vorbereiten können durch die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins. Ich hatte schon Gelegenheit, mit behinderten Schülern die Frage zu beantworten, wann der Mann ein Mann ist. Solche noch vereinzelten Angebote an den Schulen geben Jungen die Möglichkeit, nicht nur über die Anforderungen der Schule, der Eltern, der Berufswelt zu sprechen, sondern auch über die Anforderungen von Mädchen und Frauen an sie als Lebens- und als Sexpartner. In solchen Gruppen kann es gelingen, auch schwierige Fragen zu beantworten, Fragen nach Homosexualität, Inkontinenz, Zeugungshilfen, Vaterschaft, sexuelle Praktiken, die die eigenen behinderungsbedingten Einschränkungen ausgleichen. Gute Antworten darauf erhöhen das Selbstwertgefühl.

Gerade die Sonderschule hätte mit ihrer typischen Lehrplanfreiheit beste Chancen, emanzipatorisch wirken zu können. Eine emanzipatorische Pädagogik könnte sogar in Sonderschulen besser gelehrt werden als in Regelschulen.

Egal aber wo behinderte junge Menschen unterrichtet werden, immer muss Pubertät ganzheitlich gedacht werden, also unter Einbeziehung der hormonellen Entwicklung. Ein wenig Aufklärungsunterricht am Plastikmodell reicht da nicht aus.

Gerade für behinderte Männer wäre es wichtig, wenn ihnen nicht jede Krise genommen würde. Professionelle Fachkräfte sind leider traditionell bemüht, behinderten „Schutzbefohlenen“ jedes aufkommende oder auch nur erahnte Problem schon im Vorfeld zu beseitigen. Moderne Pädagogik stelle ich mir vor als eine Hilfe, durch Krisen und Konflikte zu lernen, konflikt- und krisenerfahren zu werden. Das bedeutet aber, Konflikte und Krisen zunächst aushalten zu können. Frauen suchen nicht immer nur den körperlich attraktiven Mann. Frauen finden Männer auch attraktiv, die ihnen helfen können, durch Lebenskrisen zu kommen. Männer, die Konflikte nicht scheuen. Männer, die was wagen, - ganz traditionell. Da hätten gerade behinderte Männer viele Chancen, wenn sie zeigen könnten, dass sie trotz individueller Einschränkungen sich und ihrer Partnerin ein sicheres und wenig belastetes Leben aufbauen können. Frau glaubt behinderten Männern die Krisenerfahrenheit. Führen sie dennoch ein angenehmes und abgesichertes Leben sind sie attraktiv.

Männer sind umso attraktiver, je mehr Selbstwertgefühl sie ganz ohne Übertreibung leben. Das gilt für behinderte Männer und nichtbehinderte. Aber gerade daran fehlt es behinderten Männern oft. In unserem Institut arbeiten wir an unserem Selbstbewusstsein und unserem Selbstwertgefühl. Wir tun das besonders in unseren Erotik-Workshops, in denen wir auch ganz praktische sexuelle Erfahrungen organisieren und Krisen nicht ausweichen. Wir wissen, dass Frauen - ganz traditionell – von uns Männern erwarten, dass wir bei der „Anmache“ den aktiven Part übernehmen. Wir sollen zwar sensibel sein für ihre Zeichen der Bereitschaft, aber dann muss schon Männern was Passendes einfallen, das sie sich dann auch umzusetzen trauen. So etwas üben Männer im richtigen Leben ein und erhalten selbstverständlich auch jede Menge „Körbe“. So etwa kann man aber auch in Selbsterfahrungsgruppen lernen, sowohl das Flirten als auch die Verarbeitung von Ablehnung. Im Durchschnitt sammeln behinderte Männer mehr Körbe als nichtbehinderte.

Mehr als das traditionelle Männerbild schränken behinderte Männer die traditionellen Vorstellungen über Sexualität ein. Den immer potenten und starken Liebhaber könne die meisten von uns noch weniger bieten als nichtbehinderte Männer. Unsere Körper hindern uns oft bei manch akrobatischer Liebesstellung. Manchmal fordern unsere Einschränkungen von uns, den passiveren Teil einzunehmen beim körperlichen Liebesspiel.

Mehr als beim traditionellen Männerbild sind die traditionellen Vorstellungen von Sex aber tatsächlich nur Vorstellungen von Männern. Viele Frauen wünschen sich sogar eine Sexualität, in der der Penis keine dominante Rolle spielt. Viele Frauen lieben Oralität, lieben die sanften Berührungen. Würde sich die weibliche Auffassung von Sexualität in unserer Kultur durchsetzen, wäre das für die meisten behinderten Männer gut – und vielleicht sogar für alle Männer. Kein Wunder, dass wir in unserem ISBB nicht nur einen leichteren Zugang zu Sexualität einüben, sondern auch eine andere Sexualität propagieren.

Was Frauen auf keinen Fall mehr in uns sehen sollten ist der ideale gute Freund, dem sie alles so frei erzählen können, weil wir ja nie auf die Idee kommen würden, uns in sie zu verlieben. Das sollten wir gleich mal ganz klar stellen: Auch wir sind interessiert, und haben wir keinen Erfolg mit unserem Interesse, so ist das schon mal einer. Wir werden als Konkurrenten wahrgenommen. Ganz untraditionell.

 

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Stand: 13. Dezember 2009