Lothar
Sandfort
HAUTNAH
Neue Wege der Sexualität behinderter Menschen
ISBN 3-930830-302 148 S. - 14 Euro
Covertext:
Alle Beschreibungen dieses Reiseführers in Sachen Erotik vermeiden es, über die
Welt zu jammern, über die ungerechte Gesellschaft, über die böse Normalität und
die Vorurteile der Nichtbehinderten. Ergeben sich Probleme, so sollen sie
wahrgenommen und aufgelöst werden. Beschreiben, erkennen, erfühlen und Ideen zur
Lösung entwickeln. Die Motivation der Beteiligten kommt aus der schwierigen
Situation. Schwierigkeiten machen Menschen zu Leidenden aber auch zu
Krisenerfahrenen und Lösungsexperten.
Viele von uns Behinderten leben so, als seien sie ganz normal. Sie schießen
sogar über das Ziel hinaus. Weil alle Welt glaubt, unser Leben sei voller
Probleme, leben sie als Gegenbild die permanente Fröhlichkeit. Bis sie in die
Verlegenheit kommen, die Bettdecke aufschlagen zu müssen. An Sexualität und
Partnerschaft bricht für uns Behinderte jeder Täuschungsversuch, jede
Vertuschungsbemühung, jede Integrationsmär Wenn mitten in die schönste Romantik
der Satz bricht: Aber deine Behinderung macht mir gar nichts aus", dann sind wir
definiert ‑ und das ist gut so. Endlich kommen unsere Wirklichkeit und die der
Konsensrealität zusammen. Endlich hört der harte Verleugnungskrampf auf und wir
können beginnen, uns zu befreien.
Partnerschaft und Sexualität werden die beiden Lebenserfahrungen sein, die die
Emanzipationsbewegung Behinderter dauerhaft tragen und irgendwann den
entscheidenden Emanzipationsschub einleiten. Auch hier werden wir einen
ähnlichen Prozess durchmachen wie die Frauenbewegung. Die gesellschaftliche
Teilhabe wollen wir uns sichern und neue Entwicklungsmöglichkeiten sowohl in
Partnerschaft wie beim Sex.
Um das zu erreichen genügt es nicht, an der Gesellschaft zu arbeiten, zunächst
haben wir an uns selber genug zu tun. Wollen wir unsere Behinderung als
wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit annehmen, dann hilft es, über die
Einschränkungen zu trauern.
Die
Frankfurter Rundschau schreibt dazu am 18. Juli 2003:
Mehr Spielraum
Sich ein Sexualleben organisieren: Zwei Bücher zu Alltag und Aufbruch von
sichtbar behinderten Menschen
Von Stefanie
Gödeke-Kolbe
"Wir sind lieb, ein bisschen doof und leicht zu verwalten" - das Resümee zum
(Still-) Stand der Integration von sichtbar behinderten und vermeintlich
nichtbehinderten Menschen ist selbstreflexiv: als Aufbegehren gegen ein bloßes
Dasein als kostspieliger Wirtschaftsfaktor, das Leib und Seele von vielen
Menschen verkümmern lässt und in dem Sexualität als elementares Lebensbedürfnis
oftmals verwehrt bleibt. Der Satz fällt im Jahr 2000 auf einer Podiumsdiskussion
in Nürnberg während des Bundeskongresses "Behinderte Sexualität - Verhinderte
Lust". Und sogleich fügt sich eine laut ans Publikum gerichtete Frage an: "Hat
meine Mutter geglaubt, dass meine behinderte Sexualität dreckig ist?"
In einem Sammelband sind nun die Themen des Kongresses nachzulesen. Zu Wort
kommen unter anderem die Sexualbegleiterin Nina de Vries und der Psychologe und
Autor Lothar Sandfort, die als Begründer einer learning by doing-Institution für
behinderte Menschen in Trebel erstmals in Deutschland Seminare mit dem Ziel
durchführten, solche Ängste und Barrieren abzubauen. Als Initiatoren von
Erotik-Seminaren zum Spektrum Tabus, Behinderung und Sexualität begegnen sie dem
Dilemma behinderter und vermeintlich nichtbehinderter Menschen in der Praxis mit
einem "spirituellen Ansatz", der Sex nicht auf kurze fünf Sekunden reduziert,
sondern ihn en detail "erfindet". Lothar Sandforts Buch Hautnah möchte mit dem
Leser "eine Reise zur Erotik behinderter Menschen" unternehmen und ist zugleich
ein Ratgeber mit Tipps und Informationen zu Sexualberatung, Ausbildung und
Workshops im Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISSB).
Die Situationen selbst liegen auf der Hand, auf der Straße oder sind
vorstellbar: Ein Mann um die vierzig liegt wegen einer nicht erkannten
Kinderlähmung querschnittsgelähmt im Bett. Er hat zwar eine Dreizimmerwohnung
angemietet, wird von einem ambulanten Dienst pflegerisch betreut und kann sich
allein in den Rollstuhl hieven, aber eine Freundin zu finden erscheint ihm fast
aussichtslos. Hin und wieder Prostituiertendienste in Anspruch zu nehmen oder zu
verkümmern scheinen die einzigen Optionen zu sein. Es folgen vergebliche
Versuche, per Annonce Lebenslust statt des eigenen Lebensfrusts zu finden. Am
Ende seines Kampfes, mit knapp sechzig Jahren, steht die Verordnung von
anti-depressiven Medikamenten und eine wöchentlich stattfindende Therapie.
Angstschweiss, Albträume, Zittern, Vereinsamungskrämpfe sind die Folgen der
erzwungenen Enthaltsamkeit.
Oder eine schöne, junge, kaum 30-jährige Frau, die Sandfort in seinem Buch
Hautnah porträtiert. Seit einem Reitunfall ist sie vom unteren Rippenpaar
abwärts sensorisch und motorisch gelähmt. Sie verliert Urin bei Erregung und
während des Geschlechtsakts, was sie stark belastet. Das unverarbeitete
Folgetrauma samt der Kränkungen führen zu einer schweren Persönlichkeitskrise.
Vorherrschend ist das Gefühl, ihrer Behinderung ausgeliefert zu sein, weil
Ekstase, Temperament und erotische Erlebnisse eingeschränkt sind. Sie ist
wohlhabend: Nach einer gelungenen Sexualtherapie in Sandforts Institut wird sie
andere, neue Sexualpraktiken kennen und ihr Bad in eine Erotik-Oase umbauen
lassen. Aber genau hier liegt die Ausnahme.
Denn die meisten Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen haben
viel härtere Lebensbedingungen zu ertragen, die ihnen kaum Spielraum zur
Gestaltung ihrer sexuellen Fantasien und sinnlichen Bedürfnisse lassen. Wie sie
leben? Beherbergt in modernen Verwahranstalten. Im gesellschaftlichen Abseits
durch fehlende Berufsperspektiven, geringe Entlohnung und ohne eigene Wohnung.
Alt geworden in ein Altersheim abgeschoben, stupide Arbeiten in Werkstätten
verrichtend. Oder in den eigenen vier Wänden außer von routiniertem
Pflegepersonal kaum besucht, durch einseitige Kontakte allerhöchstens
Mütterlichkeit erfahrend. Ihren Behinderungen wird nur im glücklichsten Fall
durch körperbezogene Handlungsräume von außen Rechnung getragen.
Diskriminierungen durch die Umwelt und durch Bilderfluten makelloser Körper in
Fotografie, Internet, Fernsehen und Kino sind ständige Begleiterscheinungen.
Psychosomatische Störungen, Aggressivität und Depressivität nehmen unweigerlich
zu.
Das Leiden an ihrer verhinderten Lust haben viele behinderte Menschen gemeinsam.
Und die Sehnsucht nach Begierde, Geilheit, sinnlichen Genüssen à deux oder nach
Sex for one. Der Schmerz über den sukzessiven oder absoluten Entzug ihres Rechts
auf Sexualität entfremdet sie nicht nur von sich selbst, sondern auch von
denjenigen, die ihn nicht teilen.
Als Missing Link zwischen dem Recht auf Entfaltung elementarer Lebensbedürfnisse
und dem gesellschaftlichen Alltag fungiert die "professionalisierte
Sexualbegleitung". Sie ist ein Hauptanliegen der emanzipatorischen
Behindertenbewegung und der beiden vorgestellten Sachbücher. Das umfassende
Wesen der Sexualität wollen die Autoren und Sexualtherapeuten im Gegenzug zum
knalligen Effektorgasmus, zur Erweiterung des gepflegten Körperkultes auf
unkonventionelle Liebestechniken nutzen. Umstritten bleibt dabei die Wertigkeit
der Sexualbegleitung. Ist sie ein Dienstleistungsgewerbe wie jedes andere?
Mehrere Beiträge in dem von Manuela Bannasch, der Organisatorin des
Behindertenkongresses, herausgegebenen Sammelband Behinderte Sexualität -
Verhinderte Lust diskutieren dieses Problem.
Offensichtlich provokant finden noch immer viele Mitbürger das Aufbegehren der
emanzipatorischen Behindertenbewegung unter dem Motto: "Kein Tag ohne Liebe -
Begegnungen unbekannter Art". "Was, du bist homosexuell, behindert und willst
Sex? Sei doch zufrieden mit der Mitternachtsshow im Ferseh-Hauptprogramm oder
einem heimlich über Dritte besorgten Porno. Sieh zu, dass sie Dich nicht
erwischen..."; so oder ähnlich können die Sätze aussehen, die in den Köpfen von
Eltern, Verwandten und Kindern, Pädagogen und Politikern, Mitmenschen und
Nachbarn festsitzen - sie geben ein Bild des bis dato moralisch Sanktionierten
und in abgespaltene und sozial nicht legalisierte Sphären Bugsierten ab: Übrig
bleiben die Werbeindustrie und der einseitig an verklemmten, überkommenen Riten
und männlichen Gelüsten orientierte Sexmarkt. Auf diese Problematik gehen
mehrere Autorinnen und Autoren ein, so der Überblick von Daniela von Raffay zur
schwulen und lesbischen Behindertenbewegung, der wissenschaftliche Beitrag zur
Sexualität von Thomas Mösler und das Interview Brigitta Balás mit einer
Sexualbegleiterin. Der Band des Autorenkollektivs versammelt auf 250 Seiten
Beiträge, Übersichten und Aufsätze. Das Themenspektrum ist groß: sexuelle
Hilfsmittel, Video-Aufklärungsmaterial und Erotikverstärker,
Körper-Kontakt-Service, sexualpädagogische Dienstleistung und Berufsausbildung
zum Sexualbegleiter, Flirtseminare, wissenschaftliche Beiträge zu Aids,
neurogenen Sexualstörungen und Impotenz, Partnervermittlung, Hospitalisierung,
Therapie, Rechtsansprüchen und Sexualethik.
Beide Bücher kreisen um den Brennpunkt Prostitution als moderne Dienstleistung
gegen Entgelt. Der offene Diskussionsbedarf über das, was Prostitution auf dem
Weg zur Sexualassistenz innerhalb rechtlicher Rahmenbedingungen sein könnte,
zeigt sich anhand der Professionalisierung einer künstlerisch-pädagogischen und
erotischen Begabung bei Sexualbegleiterinnen sehr deutlich. Sex auf
Krankenschein nach niederländischem und dänischem Vorbild gäbe jedenfalls dem
Kommentar einer erfolgreichen Behinderten-Sexualbegleiterin, Marina, erst Sinn:
"Nun bin ich mehr als nur eine Prostituierte." Dahinter steht die Erkenntnis,
dass es einen ratgeberischen und supervisorischen Tätigkeitsbereich der
Prostitution gibt, der sowohl von Spezialisierung als auch von einer
Stammkundschaft beiderlei Geschlechts getragen werden könnte - und der offiziell
als Beruf anerkannt werden sollte.
06.05.2004
"junge welt" -
Gertrud Salm -
Ich habe einen Körper -
Behinderte und Sex
https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/2004/05-06/022.php
»Sexybilities« heißt die große Party, die heute im Berliner SO 36 stattfindet
und sich um »Sexualität und Behinderung« dreht.
Zur Einstimmung empfiehlt sich das Buch »Hautnah – Neue Wege der Sexualität
behinderter Menschen«. Der Autor Lothar Sandfort leitet das Institut zur
Selbst-Bestimmung Behinderter (ISSB) in Trebel (Lüchow-Dannenberg). Dort werden
Erotik- Workshops für Behinderte und Beratungen angeboten. »Hautnah« ist sein
Erfahrungsbericht zum Thema. Er beginnt mit der Trauer über die Verluste, die er
durch die Behinderung hat: »Ich persönlich finde die Trauer auch gigantisch gut,
aber immer erst im Nachhinein.« Im Tränental werden keine Tempos, sondern
Stofftaschentücher verwendet. Weil Tränen kein Rotz sind. Sandfort berichtet von
Max, der sich eine kleine, handliche Klagemauer mit Kerze obendrauf errichtet
für seinen Ärger über seine Behinderung. Das Motto zum anschließenden Aufstieg
stammt vom Autor: »Ich will und wollte stets für jede verlorene eine bisher
unerkannte und ungelebte Fähigkeit entdecken – ohne zu kompensieren.« Eine
dieser Fähigkeiten ist Sexualität.
Die heutigen kulturellen Einstellungen zum Sex sind »ein rechtes Glück für uns
Behinderte«, meint Sandfort, der den Homosexuellen und der Frauenbewegung für
ihren Anteil an der Liberalisierung dankt. Die Behinderten könnten sich nun
ebenfalls an die Entdiskriminierung ihrer Sexualität machen, möglicherweise zum
Nutzen aller und im Speziellen auch der Emanzipationsbewegung Behinderter. Denn
die kämpfe sich vorwiegend auf der gesellschaftlichen Ebene ab, wo es um
materielle Verteilungsgewohnheiten und um die Gestaltung der Außenwelt gehe. Wer
was abbekommt und wer über wen bestimmt, sind keine unwesentlichen Fragen. Aber
dem Kampf um Gleichstellung, abgesenkte Bordsteine, Niederflurbusse und die
materielle Ausstattung möchte zumindest Sandfort die individuelle Lust
beigesellen. »Sexualität ist das aufregende Erlebnis erotischer Geschichten ...
Durch die erotische Geschichte, die wir fähig sind zu leben, wird ein Körper
erotisch, egal ob er behindert ist oder nicht. In die erotischen Geschichten
irgendwelcher Menschen passen auch wir.«
Und so wird ausprobiert, was machbar ist für Menschen, denen andauernd an ihrem
»Körper rumgenörgelt« wurde. Was tun, wenn beim Sex Urin oder Kot abgeht? Oder
wenn der behinderte Sohn nicht über Sex reden will? Oder wenn sich kein Partner
findet? Die Lösungsansätze stehen im Buch. Eltern von schwerbehinderten
Jugendlichen fragten Sandfort, wie sie ihren Kindern helfen könnten, die
erotischen Chancen zur verbessern. Sie sollen sie einfach auch ein bisschen
verrückt sein lassen, war die Antwort, sehr zum Entsetzen der Eltern, die mehr
auf Integration gesetzt hatten. »Alle Spinnereien zeugen von Selbstbewusstsein
und Kreativität. Das macht an.«
Anmachen scheint auch ein Dauerthema auf den Erotik-Workshops zu sein. Von
Gesprächen, Sinnes- und tantrischen Übungen wird berichtet, und daß am Abend die
Möglichkeit bestehe, in Einzelsitzungen mit Sexualbegleitern und -begleiterinnen
dem Thema noch näher zu kommen. Auch dieses Angebot versteht sich als
emanzipatorische Arbeit, als Begleitung behinderter Menschen, nicht zu
verwechseln mit Sex auf Krankenschein. Den lehnt Sandfort ab. Sexualbegleitung
kostet zusätzlich und immer gleich viel, ob Berührungen, Streicheln,
Masturbieren, erotisches Atmen oder auch der Koitus. Mittlerweile werden am ISBB
auch Sexualbegleiter und- begleiterinnen ausgebildet. Ob das hilft? Ja, meint
ein querschnittsgelähmter Freund.
Sandforts vielschichtige und reflektierte Herangehensweise an sein Thema sind
spannend zu lesen. Zumal er weder Liebe noch Partnerschaft, das Leben in Heimen,
die Grenzen der Assistenz oder die Möglichkeiten des Internets oder gar der
Spiritualität auslässt. Man wird persönlich angesprochen. Das ist auch das
einzige, was mir missfällt. Ich will zumindest beim Lesen nicht dauernd
angequatscht werden.
Hier klicken: Formular
für Anfragen und sonstiges
Hier klicken:
Neue Ideen brauchen Unterstützung. Ein Deal unter Freunden!
Ich unterstütze das ISBB mit einem Betrag nach meiner Wahl. Dafür können
Menschen das Angebot nutzen, die es sich sonst nicht leisten könnten.
Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!
lothar.sandfort@isbbtrebel.de
oder telefonisch über
bzw. 05848 98 15 65 (Büro Trebel)
bzw. 05848 204 309 (Gästehaus)
bzw. 01522 9523834 (Büro Berlin) (Handy)
Postanschrift:
Institut zur Selbst-Bestimmung
Behinderter, Nemitzer Str. 16, 29494 Trebel
Psychotherapeutische Praxis Berlin, Holzmarktstr.
69, 10179 Berlin (am Alexanderplatz)