Hauptreferat - Fachtagung der pro familia
Koblenz
Fachtagung des Koblenzer Arbeitskreises „Sexualität und Behinderung“
am 5. Mai 2006
Verliebt, verlobt, verheiratet……….
…verdrängt, verpasst, verhindert?
Menschen mit Behinderung fordern ihr Recht auf Partnerschaft
und selbstbestimmte Sexualität
Zunächst Begrüßungs- und Vorstellungsworte. Dann:
Es gibt tatsächlich Behinderte, die
ihr Recht auf Partnerschaft und Sexualität einfordern. Natürlich gibt es dieses
Recht nicht. Wo sollte der Mensch es auch einfordern können. Kann ich mir eine
Frau aussuchen und dann mein Recht auf Partnerschaft bei ihr einfordern oder
vielleicht gegenüber dem Staat vor Gericht? Wäre im Ministerium für Familie und
Gesundheit ein Staatssekretär für sexuelle Erfüllung denkbar?
Sexualität gehört nicht zu den
existenziellen Bedürfnissen des Menschen. Ohne Nahrung, Wasser, Wärme,
Kommunikation, Anerkennung kann der Mensch nicht überleben. In Europa
garantieren die Staaten die Sicherung dieser Grundbedürfnisse. Darauf hat der
einzelne Mensch ein Recht. Sexualität gehört nicht zu den Menschenrechten. Viele
Menschen überleben ohne Sexualität. Einige fühlen sich sogar wohl dabei. Die
Zeitschrift „woman“ berichtet im Februar 2005, dass 96 Gruppen aus weltweit 102
Städten sich im Internet zusammengeschlossen haben. Sie nennt auch die
Internetanschrift: www.asexuality.meetup.com Unter ihnen befindet sich auch ein
Berliner Forum.
Und erst recht gibt es kein Recht auf
Partnerschaft. Um beides zu bekommen, muss der Mensch schon selber etwas tun.
Für Sexualität in einer Partnerschaft muss er sich attraktiv machen. Aber unter
uns behinderten Menschen gibt es leider schon so viele, die sich angewöhnt
haben, dass in allen Lebensbereichen Nichtbehinderte die Probleme für sie lösen.
Dies ist ein eindringlicher Appell an alle Behinderten, vor allen Forderungen an
andere zunächst selber für ihre eigene Attraktivität zu sorgen. Hier auf der
Fachtagung bietet der Workshop II hervorragende Gelegenheit dazu. Aber auch die
organisierte Fotoausstellung bietet ein außerordentlich gut gelungenes Beispiel
für Projekte, in denen sich behinderte Menschen mit ihrer eigenen Attraktivität
auseinander setzen.
Wenn ein Recht auf Partnerschaft und
Sexualität gefordert wird, macht das dann Sinn, wenn damit Chancengleichheit
gemeint ist. Die gibt es nämlich für uns nicht.
Es gibt für mich ein Recht darauf,
dass die Entfaltung der Persönlichkeit auch bei behinderten Menschen nicht
unnötig eingeschränkt wird. Sexualität gehört dazu.
Behinderte Menschen haben in unserem
Kulturkreis einen sehr niedrigen sozialen Rang. Ihr Zugang zu den Dingen, die
Menschen attraktiv machen, ist eingeschränkt. Damit sind durchaus auch
materielle Dinge gemeint: Ein selbstbestimmter Wohnraum, Zugang zur Mobilität,
ein sicheres Einkommen und Integration im Freizeitbereich.
Attraktiv machen aber besonders ein
positives Selbstbewusstsein und Konfliktfähigkeit. Attraktiv macht ein eigener
manchmal verrückter Stil. Attraktiv macht Gelassenheit aus Lebenserfahrung trotz
offensichtlich vieler Anlässe zu Krisen. Als Krisenscouts können behinderte
Menschen sehr begehrt sein. Lebensbeziehungen leben nicht vom Sex allein und ein
schöner Körper trägt dauerhaft keine Beziehung, aber Liebe bewertet jede
Einschränkung neu, solange sie lebt.
Wollen wir als behinderte Menschen
attraktiv sein, müssen wir uns zunächst selber von vielen traditionellen
Rollenbildern emanzipieren. Dabei könnte uns eine emanzipatorische Pädagogik
helfen. Gerade in den Schulen für Behinderte, aber auch in der Ausbildung von
pädagogischen Fachkräften müsste es eine ganz neue Sichtweise von Behinderung
geben. Dabei wäre Behinderung nicht mehr der individuelle Feind, den es zu
bewältigen gilt, sondern ein Teil der Persönlichkeit, der allein deswegen gut
ist, weil er zu dem betreffenden Menschen gehört. Behinderung würde korrekt als
eine Form der Kommunikation gesehen, auf die sich Behinderte einstellen können
ohne sich zu verleugnen. Sie könnten sich dann darauf einstellen, dass sie sich
beim Flirt der eigenen Behinderung besonders sicher sein müssen, um trotz der
kulturelle Verunsicherung „anmachen“ zu können. Dazu dürfen sie aber auch
niemandem erlauben, ihre Behinderung schlecht zu machen.
Beispiele: Gib das gute Händchen! –
Gut gemeintes Lob: Deine Behinderung fällt gar nicht auf – „Behindert“ als
Schimpfwort usw.
Spätestens mit Beginn der Pubertät ist
Behinderung im individuellen Leben nicht mehr zu verleugnen. Ein trotziges „Ich
bin normal“ kann bis dahin unter vielen Mühen schon gelebt werden. Im ganz
üblichen pubertären Konkurrenzkampf wird jedoch jede Verdrängung schonungslos
aufgeklärt. Es ist gut, wenn bis dahin einem behinderten Menschen eine
realistische Sichtweise von sich selber vermittelt wurde. Besonders die
Beziehung zum eigenen eingeschränkten Körper ist dabei zu beachten. Wenn Sohn
oder Tochter der eigene Körper peinlich ist, dann ist was schief gelaufen. Wenn
Sohn oder Tochter sich ein Leben ohne Papa und Mama nicht einmal vorstellen
können, besteht vielleicht eine entwicklungsfeindliche symbiotische Beziehung.
Wenn Mütter ihre Söhne und Väter ihre Töchter noch in der Pubertät ganz
unbefangen waschen können, muss den neuen körperlichen Reizen ihr erotischer
Zauber genommen worden sein. Hier sensibel zu sein, das ist eine enorm wichtige
Aufgabe für die Eltern behinderter Menschen. Schade, dass auf dieser Fachtagung
der entsprechende Workshop nicht genügend Nachfrage bekommen hat. Das Thema muss
aber Verpflichtung für die Zukunft bleiben.
Dafür hat der Workshop I, in dem es um
sozialpädagogische Konzepte in Einrichtungen geht, soviel Interesse gefunden,
dass er geteilt werden muss. Die Mitarbeitenden in Einrichtungen der
Behindertenarbeit können viel tun, um betreuten Menschen den Zugang zu
unverkrampfter Sexualität und Partnerschaft zu erleichtern. Das bedeutet für die
Mitarbeitenden oft auch viel Arbeit an sich selbst. Supervisionen und
Fortbildungen können dort helfen, wo Fachkräfte behinderten Menschen aus bester
Absicht jede Krise nehmen, jedes Problem schon im Vorfeld aus dem Wege räumen.
Supervisionen und Fortbildungen können helfen, eigene Denkverbote zu erkennen,
gerade beim Thema Sexualität, das für jedes Leben auch bedrohliche Seiten hat.
Viele behinderte Menschen werden eigene sexuelle Sehnsüchte und Ängste erst
äußern, wenn sie spüren, dass ihre Betreuerinnen und Betreuer solche Äußerungen
aushalten können. Leider werden Themen wie Partnerschaft und Sexualität in
vielen Einrichtungen immer noch tabuisiert. Immer noch glauben viele Betreuende,
sie könnten uns helfen, indem sie uns den Liebeskummer ersparen und schlafende
Hunde lieber schlafen lassen. Leider sind gerade solche Fachkräfte gerade bei
solchen Fachtagungen wie dieser nicht anwesend. Ich appelliere darum an die
Teilnehmenden hier, die Inhalte in ihre Einrichtungen zu tragen. Erzählen sie
also möglichst viel von dem, was sie hier gehört haben. Sicher wird es uns
gelingen, auch die wunderbare motivierende Kraft der Sexualität für das Leben
und für gesunde Entwicklung aufzuzeichnen. Mitarbeitende in Einrichtungen können
diese Kraft nutzen und fördern, wenn sie begonnen haben, den Menschen
tatsächlich ganzheitlich zu betrachten.
Beispiele.
Sicherlich haben Sie bemerkt, dass ich
mich bemühe, die besonderen Themen aller vier Workshops dieser Fachtagung einmal
anzusprechen. Selbstverständlich will ich das auch für den Workshop III tun, in
dem ich zusammen mit Uwe Grones mitarbeiten darf. Wir beide kommen ja auch der
Beratung. Wir nehmen die wachsende Nachfrage von behinderten Menschen selber und
ganz besonders von Teams aus Einrichtungen wahr. Mein Beratungsinstitut in
Trebel hat einen ganz eigenen Ansatz mit seinen erotischen Workshops, seiner
Ausbildung von Sexualbegleiterinnen und –begleitern und seiner Fortbildung in
Sexualberatung. Allerdings ist das ISBB ein zentrales Angebot und damit für
viele weit weg irgendwo auf dem Lande. Was nötig ist, wäre ein Netz von
dezentralen Beratungsstellen. Pro familia könnte ein solches Netz bieten oder
die Zentren für selbstbestimmtes Leben der ISL Deutschland. Allerdings kommt es
zurzeit in beiden genannten Organisationen und auch in anderen Beratungsstellen
immer noch zu sehr darauf an, welche Personen gerade vor Ort die Beratung
anbietet und ob die regionalen Trägerorganisationen überhaupt bereit sind, sich
den Besonderheiten im sexuellen Leben behinderter Menschen zu stellen. So
unterschiedlich auch die Entwicklungen von pro familia oder der
Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland auch sind, beide können mitnichten
behaupten, allein ihr typischer Ansatz setze sie in die Lage, etwas Hilfreiches
zu Behinderung und Sexualität raten zu können. Für beide Organisationen ist die
Kombination immer noch neu und voller persönlicher Fallgruben.
Sicher hat das mit der kulturellen
Verknüpfung von richtigem Sex und gutem Sex mit Jugend, Gesundheit und Schönheit
zu tun. Behinderung und Sex scheinen noch immer nicht zueinander zu passen. In
der Evolution des Menschen hat sich Sexualität mit dem Auftrag der Fortpflanzung
entwickelt. Die natürliche Absicht war und ist eugenisch. Mit dem Siegeszug der
Empfängnisverhütung hat sich Sexualität zwar verselbstständigt. Aber das ist -
verglichen mit der Entwicklung des Menschen – erst ein paar hundertstel Sekunden
her.
Ganz so schnell kommen unbewusste
Einstellungen nicht nach. Sex für behinderte oder für alte Menschen gehört sich
immer noch nicht.
Aber wir, die wir hier zusammen
gekommen sind, wir wissen das. Wir sind uns der Vorurteile bewusst. Das ist
Grundwissen aller sachkundigen, aller klugen, reflektierten, liberalen,
pädagogisch geschulten und kulturell bewanderten Menschen. Und dennoch irgendwie
bleibt Sexualität auch in unserem persönlichen Leben ein Feld, auf dem wir
ungeheuer leicht verwundbar sind. Hier brauchen selbst wir Fachleute viel Schutz
und suchen Vertrauen.
Wieso kann niemand mit Sexualität so
umgehen, wie mit Hunger oder Durst? Wieso können Betreuerinnen und Betreuer von
behinderten Menschen deren sexuelle Sehnsüchte nicht einfach bearbeiten wie die
übrige Körperpflege? Weil der Mensch zunächst in seinem Leben unverletzt
überleben will, weil ihm Sicherheit über alles geht. Weil sein
Individualinteresse kein Risiko eingehen will. Das genau aber will das
Gattungsinteresse mit dem Ziel, die Gattung Mensch zu erhalten. Sexualität
bedeutet, die Kontrolle zu verlieren, bedeutet Ekstase, Leichtsinnigkeit,
bedeutet den Orgasmus als den kleinen Tod. Partnerschaft dient durchaus der
Lebenssicherheit, Sexualität bedroht sie.
Beispiele.
Gäbe es nicht die überaus machtvollen
Hormone, sähe es schlecht aus für Sexualität. Leider wird das auch noch
weiterhin so bleiben.
Deshalb können wir uns freuen über
jede Gelegenheit, in der wir über Sexualität in einem geschützten Raum reden
können. Natürlich auch über jede Gelegenheit, in der wir uns vertrauens- und
liebevoll sexuell verhalten zu können. Hier während dieser Veranstaltung aber,
wollen wir lediglich über Sexualität reden und brauchen dennoch unsere
gegenseitige Achtung, Vertrauen und unsere Schutzbereitschaft.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen
viel Mut und viel Lust, uns mit unseren Fragen, Ideen und Antworten
einzubringen.
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