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Zukunft der Institutionen - Referat Prof.
Klaus Dörner
Prof. Dr. Dr.
Klaus Dörner
Rückblick auf die Deinstitutionalisierung
Der Begriff "Deinstitutionalisierung" ist ein Zungenbrecher, trotzdem ist es ein
gutes Wort! Besser als "Enthospitalisierung". Denn Deinstitutionalisierung
beschreibt, worum es eigentlich geht. Nicht dass Menschen irgendwie von
Institutionen befreit werden, sondern wir beschließen, mit immer weniger
Institution auszukommen, nachdem wir 200 Jahre versucht haben immer mehr
Institutionen zu erschaffen.
Und jetzt Rückblick! Wir haben in Gütersloh zeigen können, dass alle 435
Langzeitpatienten einer Region von einer Million Einwohnern dauerhaft ohne
Institution leben können. Also alle eine eigene Wohnung haben können, auch wenn
sie die gelegentlich verlassen müssen, zum Zwecke einer vorübergehenden
institutionellen Krisenintervention.
Die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg unterscheidet bei der
Entwicklung der Deinstitutionalisierung für Menschen mit geistiger Behinderung
zwei Phasen:
Dezentralisierung: Menschen mit Behinderungen verlassen das Anstaltsgelände. Sie
wohnen als Gruppe, aber auch hin und wieder alleine oder zu zweit in der eigenen
Wohnung. Dabei bleibt der Heimstatus vorerst erhalten und damit die Finanzierung
unverändert. Nachdem nun diese Phase weitgehend abgeschlossen ist, beginnt die
zweite Phase: Ambulantisierung und Kommunalisierung. Dies meint, die
institutionellen Strukturen durch etwas Neues, Positives zu ersetzen. In Hamburg
wird in diesem Zusammenhang gerne der Begriff „Community Care“ genannt. Ich habe
mir angewöhnt, den Begriff mit Sorge zu übersetzen, weil das relativ ungewohnt
ist, dass wir von Sorge sprechen. Es ist aber ein sehr schönes altdeutsches
Wort. Mit dem zu Besorgenden hatten wir auch die Sorge selbst in den letzten 200
Jahren aus den Kommunen ausgegrenzt. Dafür wurden wunderbare soziale
Institutionen geschaffen. Jetzt kommen wir auf die Deinstitutionalisierung:
Lassen Sie uns einmal sehen, in welchem Umfang wir die Sorge aus den
Institutionen auch wieder in die Kommunen, in die normalen bürgerlichen und auch
kirchlichen Gemeinden zurückkehren lassen können, und ob das nicht auch positive
Effekte für alle Beteiligten mit sich bringt. Das ist mit Community Care
gemeint.
Diese Veranstaltung soll einen Beitrag dazu leisten, und so ist sie auch
überschrieben: Zu neuen Ufern aufbrechen. Ich würde Sie gerne bitten, zur
weiteren Verfolgung meines Beitrages sich dieses Bild "zu neuen Ufern
aufbrechen" sinnlich bewusst zu machen. Zu neuen Ufern aufbrechen heißt, wenn
man nicht irgendein zauberhaftes Schiff oder Boot oder etwas Ähnliches zur
Verfügung hat, dass man nass wird. Man muss nämlich von dem alten vertrauten
Ufer, wo es schön trocken war, in die Nässe des Flusses. Und man weiß noch nicht
einmal, ob man das andere Ufer erreicht, geschweige denn, wie es am anderen Ufer
aussieht und will das trotzdem tun. Und wenn Sie sagen, wir wollen zu neuen
Ufern aufbrechen, sagen Sie damit gleichzeitig, wir wollen freiwillig nass
werden, was auch heißt, etwas gegen unseren eigenen Willen tun. Denn wir
vermuten, da ist etwas, das ist noch wichtiger als unser eigener Wille. Das ist
der Sinn des Sprachbildes zu neuen Ufern aufbrechen. Und das ist eigentlich auch
der Sinn meines Beitrages.
Diese Tagung soll ja ein Baustein sein zu einem Aufbruchprozess, den Sie sich
vorgenommen haben. Und wenn Sie das erst richtig spüren, dass es gegen den
eigenen Willen ist, erst dann ist es richtig. Und wer macht das schon
freiwillig. Man muss schon ziemlich masochistisch sein.
Sie haben diesem Prozess den Namen Zukunft, Aufbruch, Chance gegeben abgekürzt
ZAC. In Ihrer Weihnachtsschrift 2000 lese ich, dass man C einmal säkular
benutzen darf als Chance aber auch als christlich. Und ich möchte Ihnen dringend
empfehlen, dieses Christlich heftig zu berücksichtigen. Sie werden dann aus
einer Kraft schöpfen, die nicht aus ihnen kommt, sondern die von außen kommt,
von außerhalb Ihres Systems, von außerhalb der Welt, vom Anderen her. Und der
Andere kann der ganz Andere sein, der total Andere, also auch Gott. Der Andere
kann aber auch der andere Mensch sein, in seiner ganzen Andersartigkeit,
Fremdheit, Unverfügbarkeit, Unantastbarkeit und unendlichen Eigenheit. Das ist
der Andere, der einem den Atem verschlägt, der einen in den Dienst nehmen kann.
Wenn Sie also tatsächlich Deinstitutionalisierung wollen, müssen Sie wissen,
dass Sie sich damit nichts als Ärger einhandeln und sich alle Leute zu Gegnern
machen. Alle müssen dagegen sein. Und es ist erlaubt, dass alle dagegen sind.
Das ist das Schlimme an der Sache. Die Mitarbeiter müssen dagegen sein dürfen,
weil sie plötzlich ganz andere Dienstzeiten kriegen, weil sie mobil sein müssen
und auch unbequeme Dienstzeiten haben werden. Die Mitarbeitervertretung muss,
wenn sie ihre Rolle richtig spielen will, massiv dagegen sein, denn es geht
potentiell um den Verlust von Institutionsarbeitsplätzen. Die Angehörigen und
Betreuer müssen noch massiver dagegen sein. Die können nun ja wirklich nicht
wollen, dass die netten Behinderten, die hier so ordentlich und gut
untergebracht sind, irgendwo in der Gegend, in der freien Wildbahn leben und die
Wohnung verlassen und betreten können, wann sie wollen.
Das könnte ja auch heißen, dass sie den Betreuern um Mitternacht vor der Tür
stehen. Also sie rücken einem auf den Pelz, und das kann kein Angehöriger und
noch weniger ein bezahlter Betreuer wollen. Er muss dagegen sein. Der
kaufmännische Leiter einer Einrichtung muss total dagegen sein: Ein solches
Unternehmen wäre ja betriebswirtschaftlich nur als selbstmörderisch zu
bezeichnen, und insofern kann das eigentlich gar nicht stattfinden. Und
letztlich werden selbst viele Bewohner dagegen sein müssen, weil sie das nicht
anders kennen.
Als ich in Gütersloh angefangen habe, habe ich alle 435 Menschen,
Langzeitpatienten, die also länger als 2 Jahre, bis 30, 40, 50 Jahre in der
Anstalt waren, befragt. Über 90% haben gesagt, Entlassung und so was, da bleiben
sie mir mal fein vom Halse. Mit so einem Schweinkram wollen wir nichts zu tun
haben. Wir sind viel zu krank, viel zu behindert. Schließlich haben wir auch
Heimatrecht, und hier ist es wunderschön, und eigentlich sind wir auch wunschlos
glücklich. Es hat lange, lange gedauert, bis ich kapiert habe, was damit
eigentlich ausgesagt war. Zuerst war damit ja zum Ausdruck gebracht, dass es
eigentlich unfair ist, wenn jemand zwanzig Jahre oder dreißig Jahre in so einer
Einrichtung gewesen ist, ihm dann mit einer solchen Frage zu kommen: Möchtest Du
entlassen werden?
Ein Blick in die Akte hätte mich darüber belehren können, dass der entsprechende
Mensch sich die ersten ein, zwei oder vielleicht fünf Jahre mit Händen und Füßen
dagegen gewehrt hat, dort bleiben zu müssen, oft auch die Familie selber. Hat
der Betreffende aber gemerkt, dass es keine Alternative gibt, haben die meisten
aufgehört, sich zu wehren. Es gab jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sich
umbringen oder sich anpassen und das, was man hat, für gut befinden - eigentlich
für das Beste zu befinden. Wenn sich jemand längerfristig in irgendeinen Kontext
hinein entwickelt und dort lebt, kann er gar nicht anders, als den Rest der Welt
durch die Brille dieser Institution zu sehen und die Brille im Großen und Ganzen
schön zu finden. Er wird sie rosarot finden und nicht schwarz. Kein Mensch kann
die Welt immer aus einer schwarzen Brille sehen. Es ist auch gesünder, die
Brille rosarot zu färben und die Welt so zu sehen.
Insofern war es eine richtige Ohrfeige, die die Gütersloher seelisch und geistig
behinderten Menschen mir mit dieser negativen Antwort verpasst haben. Man geht
nicht hin, nachdem ein Mensch sich mühselig über Qualen und Schmerzen damit
abgefunden hat, so zu leben, wie er lebt, in einer Institution, und fragt
irgendwann: Hallo wie wäre es denn mit der Entlassung? Das ist eine unsittliche
Frage, die stellt man nicht. Es hat sehr lange gedauert, bis wir das verstanden
haben und auch daraus gelernt haben. So haben wir beispielsweise gelernt, dass
man im Umgang mit Menschen nicht gut beraten ist, sie gewissermaßen frontal mit
einer möglichen Veränderung zu konfrontieren, sondern dass es eigentlich nur
unser Job ist, Bedingungen herzustellen, wodurch eine größere Wahlfreiheit
entsteht.
Es geht darum, dass Menschen mehr als bisher aus verschiedenen Möglichkeiten des
Lebens wählen können. Dies können sie nur, wenn sie diese auch selbst sinnlich
wahrgenommen haben. Es genügt nicht, wenn sie dies lediglich gesagt bekommen.
Man muss in einer Wohnung mal für ein paar Tage gewohnt haben. Man muss sehen,
wie geht es mir damit, kann ich das denn, und was brauche ich denn für Hilfen.
Dann habe ich eine ungefähre Vorstellung davon, wie wahlfähig ich eigentlich bin
und welche Alternativen auf dem Markt der Möglichkeiten es denn so gibt. Und was
ich denn wohl am liebsten hätte. Erst dann kann ich davon sprechen, dass ein
Mensch wieder wunschfähig geworden ist und damit auch bedürfnisfähig.
Wenn ich als Mitarbeiter trotzdem so tue, als könnten die Menschen wissen, was
sie wollen, dann wende ich natürlich einen Trick an. Ich gebe die Verantwortung,
die ich habe, einfach an die Leute, die dort leben zurück und sage, das ist doch
schließlich euer Selbstbestimmungsrecht, so wie ihr die Dinge seht, sollte es
auch sein und bleiben. Wenn ihr gerne auszieht, dann zieht ihr aus, und wenn die
Mehrheit gerne bleibt, dann ist das auch in Ordnung, denn es gilt ja immer das
Selbstbestimmungsrecht. Wenn wir so argumentieren, dann drücken wir uns um ein
gerüttelt' Maß an Verantwortung nach dem Verursacherprinzip. Sind nicht wir die
Verursacher, dass die Menschen so wahrnehmen, wie sie wahrnehmen? So kann das
Selbstbestimmungsrecht der Behinderten auch zu meiner Waffe werden, um meine
Institution am Leben zu erhalten. Ich muss noch mal zu dem Grässlichen
zurückkommen.
Die Philosophen E. Levinas und J. Derrida zeichnen ein schlichtes, einfaches
Bild, das jeder gut verstehen kann. Sie sagen Menschsein würde damit beginnen,
dass ich einen Blick empfange aus den Augen des Anderen. Und diese Augen
sprächen, lange bevor ein Wort gefallen sei. Und diese sprechenden Augen des
Anderen befehlen mir, du wirst mich nicht töten, du wirst mich nicht alleine
lassen, du wirst mich nicht verwerten, du wirst mich dir nicht aneignen, sondern
du wirst umgekehrt dich mir aussetzen, du wirst in meinen Dienst treten. Das
sind die sprechenden Augen des Anderen. Und das empfinde ich so, und das ist so.
Das heißt überhaupt nicht, dass ich dem auch so folge. Also in aller Regel werde
ich dem nicht folgen. Ich werde ja nicht so blöd sein, in den Dienst des Anderen
zu treten. Wo kommen wir denn da hin? Wenn ich das dann nicht tue, muss ich
jedoch diesen Befehl der wortlos sprechenden Augen des Anderen ein Stück weit
übertreten. Billiger ist es nicht zu haben. Und das hat auch schon mit meinem
Gewissen zu tun, wenn ich das tue. Genauso gibt es diese Intuition der
sprechenden Augen des Anderen, die mir befehlen, etwas zu tun oder etwas nicht
zu tun. In seinen Dienst zu treten. Beides ist gleich ursprünglich, beides ist
gleichberechtigt: Es kommt für uns immer wieder darauf an, da ein Gleichgewicht
daraus zu machen.
Wie wird Deinstitutionalisierung nun ein Erfolg? Sie werden Fortschritte
erzielen, wenn dies ein Prozess ist, der von unten nach oben geht. Wenn der
Prozess durch meine Beziehung vom je einzelnen Behinderten her gesteuert wird.
Das ist die Perspektive des Anderen.
Man sagt gerne: meine Beziehung zum Behinderten ist gut oder schlecht oder toll.
Wieso ist das Ihre Beziehung? Ist das Ihr Eigentum? Nein, falls sich überhaupt
die Eigentumsfrage stellt, dann ist die Beziehung ein Eigentum des Anderen, die
Beziehung von Anderen her auf Sie hin. Und schon sind Sie in einer passiven
Grundhaltung, die dafür sorgt, dass die Aktivitäten, die Sie dann auch noch
starten, gewissermaßen in dieser passiven Grundhaltung eingebettet sind, und
deswegen vielleicht, wenn Sie Glück haben, auch nicht zu gewalttätig mit den
Behinderten umgehen.
Und das ist ja die Gefahr, in der wir ständig stehen. Dass wir aus lauter gutem
Willen, und weil wir es doch so gut wissen und so gut meinen und so mitleidig
und so ideologisch vorurteilsfrei sind, dass wir alles mögliche mit den
behinderten Menschen machen. Das fängt noch früher an: schon wenn wir meinen,
sie zu verstehen, ist das ja eigentlich eine Unverschämtheit, weil kein Mensch
kann den Anderen im Kern verstehen. Dies würde die Andersartigkeit des anderen
auch schon wieder verleugnen.
Damit Sie einige Spielmarken haben, habe ich jetzt 10 Erfahrungssätze
aufgeschrieben, die aus meiner Erfahrung stammen. Einige dieser Erfahrungssätze
sind während meiner Arbeit in Gütersloh entstanden. Diese Sätze sind von mir
jetzt bewusst provokativ formuliert, damit sie überhaupt wahrgenommen werden.
Sie lassen aber auch jede Ausnahme zu. Alle diese Regeln müssen aus begründeten
Umständen heraus immer auch ausgesetzt werden können und durch das Gegenteil
ersetzt werden können. Nur so haben Regeln ihren Wert: Dass sie orientieren,
ohne ideologisch oder dogmatisch festzulegen.
1. Alle Aktivitäten von mir aus werden sich als falsch erweisen!
Dieser Satz beinhaltet einmal die schlichte und banale Wahrheit, dass diese
Aktivitäten falsch sein müssen, weil sie von mir kommen. Zum zweiten resultiert
daraus, dass letztlich nur der Andere wissen kann, was für ihn gut ist und
selbst das in der Institution unvollkommen, aber immerhin. Das verlangt von mir
- drittens - die maßlose Kunstfertigkeit, das, was ich tue (und ich bin zum Tun
verurteilt, ich kann ja nicht nichts tun, ich muss ja immer was tun) dieses Tun
immer gewissermaßen für ein Probetun zu halten und zwar In einer Grundhaltung,
die dem Anderen glaubwürdig macht, dass bei all dem, was ich tue, ich ständig
bereit bin, mich vom Anderen korrigieren zu lassen, verbessern zu lassen.
Verbessern im doppelten Sinne des Wortes.
Und das machen Sie mal, diese Haltung aufzubringen, in welcher der Andere
wirklich glauben kann, dass ich jemand bin, der sich vom Anderen ständig
korrigieren lässt. Es ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt, an der man
auch nur ständig dranbleiben kann, mit der man nie zu Ende kommt, aber die
entscheidend ist dafür, dass sich eine Beziehung allmählich so kultivieren kann,
dass sie wirklich als eine Beziehung, die vom Anderen her kommt, auch von beiden
Seiten empfunden werden kann. Jetzt komme ich schon zum zweiten Satz.
2. Training der Behinderten habe ich mir zu verbieten!
Wenn Sie alte Heimakten durchlesen und besonders gewissenhaft geführte
auswählen, werden Sie häufig etwa folgenden Wortlaut finden: Fritz Müller oder
Martha Mayer lebt seit 15 Jahren in der Einrichtung. Jährlich findet sich
sinngemäß der Eintrag, dass sie schon wieder viel selbständiger geworden sei. 15
Jahre lang ständiger Zuwachs an Selbständigkeit! Sie müssten Olympiasieger der
Selbständigkeit sein, nur dass sich an den äußeren Umständen nichts geändert
hat, bei den betreffenden Leuten. Das ist eine auf der Stelle tretende
Verselbständigung. Äußerst geeignet zur Arbeitsplatzerhaltung.
Mit anderen Worten ausgedrückt: Wir alle können, immer von Ausnahmen abgesehen,
am Ort A nur das lernen, was wir für den Ort A auch brauchen können. Wir können
in der Regel in A nicht lernen, was wir in B brauchen. Unser traditionelles
Denken bezüglich Rehabilitation geht davon aus, dass sehr viele Dinge vorher
trainiert, geübt, erlernt und erfahren werden müssten, bevor eine Person mit
einer Behinderung z.B. in eine eigene Wohnung umziehen kann. Das ist schlicht
und einfach verboten, so zu denken, da dies zwar Ihrer Aneignungslogik, aber
nicht der Realität des Anderen entspricht, der ja die Wichtigkeit, etwas zu
lernen, nur in der Situation, in der er sich gerade befindet, einsehen kann.
Also ich kann in einem Krankenhaus oder in einem Heim nur lernen, was ich im
Heim brauche. Aber ich kann auch in einer Wohnung nur lernen, was ich in einer
Wohnung brauche. Erst eine Not, eine Notwendigkeit bringt mich auf die Sprünge,
unbequeme Lernschritte zu tun, die ich freiwillig nicht tun würde. Dies entsteht
dann aus der jeweiligen Situation heraus von selbst.
3. Zeit spielt keine Rolle!
Eine ganze Menge an Philosophien ist in diesem Satz enthalten. Diese haben Sie
offenbar gleich verstanden, weil Sie alle gleich netterweise lachen. Es steckt
da drin die biblische Botschaft, dass etwas nur gelingt, wenn die Zeit erfüllet
ist. Deshalb müssen Sie sich mit ihren Prozessen auch viel Zeit lassen. Wir
haben uns in Gütersloh für die 435 Menschen fünfzehn Jahre Zeit gelassen, und es
gibt verschiedene empirische Nachuntersuchungsergebnisse, die mich veranlassen
zu sagen, die Zeit war noch zu kurz. Wir hätten uns zwei bis drei Jahre länger
nehmen sollen, dann wären für alle noch bessere Ergebnisse herausgekommen.
Beschließen Sie bitte nicht, bis im nächsten oder im übernächsten Jahr haben wir
so und so viele Menschen mit Behinderung abgearbeitet und befreit. Das ist ein
Prozess von oben nach unten. Das ist unmenschlich, das geht nicht. Zeit muss
reifen können, das ist die eine Bedeutung.
Und die andere, ebenso wichtige Bedeutung ist: nicht meine Zeit gilt, sondern
deine Zeit gilt. Und das ist wieder sehr schwer. Je besser man eine solche
Haltung ausprägt, desto kürzer sind die Zeiten, die wirklich erforderlich sind.
Der Andere muss sich nicht meinen, meist zu schnellen zeitlichen Vorstellungen
widersetzen. Diese Energie muss dann nicht gegen mich aufgebracht werden,
sondern wird für etwas anderes frei.
4. Jeder hat ein Recht auf Risiko!
Dies klingt schrecklich! Den Satz habe ich aber geklaut aus einem Buch des
englischen Staates für Alten- und Pflegeheimbewohner. Die Logik dieses Satzes
ist folgende: Menschen mit einem großen Hilfebedarf haben natürlich ganz viele
Sicherheitsbedürfnisse. Die müssen alle berücksichtigt werden. Dies hat im
Vordergrund zu stehen.
Damit aber ein Mensch vor lauter Sicherheit nicht erstickt, wenn nur dieses bei
ihm beachtet wird, schreibt der englische Staat vor, es müsse dann, ausgleichend
für die Sicherheiten, auch ein Recht auf Risiko geben.
5. Eine Forderung ist nur wirksam als Überforderung.
Denn jeder Lernschritt muss das jeweilige bisherige System transzendieren,
sprengen, muss auf ein unbekanntes Anderes aus sein, besser von einem
unbekannten Anderen ausgehen. Das ist das "Über" (=Trans) an der Forderung.
Fehlt das "Über", resultiert das auf der Stelle tretende Lernen.
Bitte beachten Sie außerdem: da auch ich durch die Institution wahrnehmungsmäßig
eingeschränkt, institutionalisiert, hospitalisiert bin, muss nicht nur der
Bewohner sich, sondern auch ich den Bewohner regelhaft objektiv unterschätzen,
auch wenn ich das subjektiv gar nicht merke; jedenfalls ist das viel
wahrscheinlicher als eine Unterforderung.
Deshalb ist es existentiell entscheidend, dass meine Betreuung für den
Behinderten so karg gehalten ist bis knapp an die Grenze der Verantwortlichkeit.
Beim Menschen mit Behinderung wird so Not erlebnisfähig, und nur so kann er sich
zwingen, seine eigenen Ressourcen bis an ihre Grenzen auszuschöpfen. Dies würde
sonst auch kein Mensch freiwillig tun, egal, ob man mit oder ohne Behinderung
lebt. Nur so wird er - oft ungern, fluchend, wider Willen - optimal
selbstbestimmt. In Heim-"Stockwerken" kann das selbst den tollen
Lindenhofmitarbeitern nicht gelingen!
6. Die Beziehung zwischen dem Anderen und mir muss die unprofessionelle
exklusive Intensität einer Freundschaft haben.
Möglicherweise ist dies nicht über 15 Jahre hinweg erforderlich, mindestens aber
über die Zeit, in der es hier um eine existentiell biographische Veränderung für
den Betreffenden innerlich und äußerlich und damit auch für mich geht. Und da
ist es nicht nur erlaubt, sondern es ist erforderlich die übrige
Professionalität, die Sie natürlich alle auch brauchen, einzubetten in eine
unprofessionelle Beziehungsintensität der Freundschaft. Das Erfolgskriterium,
dass Ihnen eine solche Freundschaftsbeziehung gelingt, ist, dass sie spüren,
dass in Ihrer Beziehung Abstand und Nähe gleichsinnig zunehmen. Nicht Abstand
auf Kosten von Nähe, und nicht Nähe auf Kosten von Abstand, sondern Abstand und
Nähe, man könnte auch sagen, dass Achtung und Liebe gleichsinnig zu nehmen sind.
7. Der Ort des Wohnens richtet sich nach dem Ort des Arbeitens
Mit Arbeit soll in diesem Zusammenhang nicht immer Arbeit im engeren Sinn einer
beruflichen Tätigkeit gemeint sein, sondern möglicherweise auch das, was man
tagsüber tun möchte.
Der Ort der Tätigkeit und nicht umgekehrt. Obiger Satz resultiert aus einer
Erfahrung, die bei uns in Gütersloh über viele Jahre gewachsen ist. Wir haben
immer gedacht, wir müssen erst einmal sehen, wo jemand wohnt, und anschließend
überlegen wir, was er dann so tun soll. Das ist völlig falsch. Es geht primär
darum, dass Sie Ihr Augenmerk darauf richten, wo denn jemand eine ihn
befriedigende Tätigkeit findet, wo er sozialen Sinn - wenn auch nur in
Spurenelementen tagsüber abholen kann. In der Gegend muss dann auch das Wohnen
gesucht werden. Nur auf diese Weise können auch Menschen, von denen zunächst mal
überhaupt nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie in einer eigenen Wohnung
leben können, eine Basis für diesen Schritt finden.
Wenn sie sich tagsüber sozialen Sinn irgendwo abholen können und auch klar ist,
wo das ist, dann kommen sie abends und am Wochenende nicht mehr so leicht auf
dumme Gedanken. Das ist die Logik.
8. Keine Last der Welt ist so groß, dass sie nicht, auf hinreichend viele
Schultern verteilt, für alle erträglich wäre.
D.h., es kommt Ihrerseits nur auf die Kunstfertigkeit an, gerade für den
pflegebedürftigsten, den verhaltensgestörtesten und schwierigsten Menschen die
Lasten auf mehreren Schultern zu verteilen. Nur dann wird die Last für alle
erträglich - für den Betroffenen und für die anderen. Und das Positive, das
neben der Last auch enthalten ist, kann dann zum Zuge kommen; und so kommen Sie
weiter.
9. Alle oder Keiner!
Wir haben nach einiger Zeit gemerkt, dass es natürlich eher die Menschen waren,
die aus der Institution auszogen, die das leichter für sich als Bereicherung
erkennen konnten und den Sinn sehen konnten. Dass sie die Veränderungen auch
leichter geregelt bekamen. Die Frage stand für uns nun im Raum: was passiert
denn, wenn wir so weiter machen? Haben wir nicht zum Schluss durch dieses
Vorgehen eine Auswahl, eine Selektion von Menschen selber verursacht? Sind nicht
sie, von denen alle sagen, sie seien die schwierigsten, die unerträglichsten
Menschen dann in einer Konzentration der irrationale Rest der Anstalt? Müsste
man da nicht - im Sinne der Betroffenen selbst und auch der Mitarbeiter - wieder
weniger schwierige Menschen drum herum gruppieren? Und ehe man es sich versieht,
hat man die alte Anstalt wieder hergestellt. Das geht schneller, als man denkt.
Und deshalb müssen Sie, selbst wenn Sie das in den nächsten 30 Jahren nicht
einlösen können, im Kopf immer die Regel haben: Alle oder Keiner!
Denn alle haben das gleiche Recht, wenn auch unter sehr unterschiedlichen
Hilfsbedingungen. Hier gilt deshalb auch der kategorische Imperativ: Handle so,
dass du mit dem Einsatz aller deiner Ressourcen an Kraft, Zeit, Manpower, Liebe,
Aufmerksamkeit immer bei dem jeweils letzten beginnst, bei dem es sich am
wenigsten lohnt.
Natürlich kann kein Mensch dieser Norm ständig folgen, aber es reicht schon, sie
für richtig, für wahr zu halten. Dann gilt nämlich: wenn Sie gerade die Kraft
haben, ihr zu folgen, dann können Sie auf diese Weise dafür sorgen, dass die
Schwierigen wenigstens mit eingestreut werden in Ihren Prozess und sich nicht
als irrationaler Rest sammeln. Und das reicht schon dicke.
10. Am meisten vernachlässigt werden in unserer Zuwendung von allen denkbaren
Gruppen nicht etwa die Menschen mit Behinderungen, nicht mal die Angehörigen,
Familien und Betreuer, sondern die Durchschnittsbürger.
Das haben wir in Gütersloh gelernt. Nach zwei Drittel der Zeit kamen unsere
Bekannten und haben immer erzählt: Sagen Sie mal, immer wenn wir in der
Innenstadt sind, treffen wir mindestens ein, zwei oder drei von ihren komischen
Typen und wir wissen immer nie, wie wir damit umgehen sollen! Wir haben einmal
nachgerechnet und festgestellt: 20% der Sozialkontakte der Menschen, die jetzt
in der Gemeinde lebten, fanden mit uns Professionellen statt. Aber 80 % der
Sozialkontakte fanden mit Zufallsbürgern auf der Straße, in der U-Bahn oder in
der Kneipe, als Nachbarn im Wohnblock oder beim Kaufmann statt.
Dies bedeutete im Klartext, dass wir 80 % der Aufgaben, die wir früher selbst
wahrgenommen haben, abgegeben hatten. Abgegeben an die Durchschnittsbürger, die
wir doch im Übrigen bisher immer nur beschimpft haben, wegen ihrer
Behindertenfeindlichkeit. Und das tun wir nun, ohne sie vorher gefragt zu haben.
Wir nutzen sie einfach aus. Unsere wichtigste und vornehmste Aufgabe sollte nun
darin bestehen, den Durchschnittsbürger zu erreichen. Dies war eine Aufgabe, auf
die wir am schlechtesten vorbereitet sind, und für die wir bisher auch die
wenigsten Phantasien haben. Es galt, den Bürgern den Prozess klar zu machen,
dass wir dabei sind, die Frau „Sorge" aus der Institution wieder dort, wo sie
hingehört, nämlich in die Kommune, zurückzubringen.
Dies bedeutet: jeder Bürger hat nicht etwa eine lästige Pflicht, sondern in
Wirklichkeit ein Recht auf soziale Teilhabe. Mögen dies auch nur eine, zwei oder
drei Stunden in der Woche sein, nur so wenig, dass sie dabei ihre im Übrigen
egoistischen, gesunden Geschäftsinteressen weiter verfolgen können. Aber doch
immerhin soviel, dass der Durchschnittsbürger auf diese Weise sagen kann: Ja, o.k.,
auf diese Weise hole ich mir mit ein bisschen Last, die ich mir auflade, auch
Gewicht und damit soziale Bedeutung in mein Leben. Dies könnte ich auf keine
andere Weise zustande bringen. Und das ist eine Bereicherung, die ich selber
wollen kann.
Dazu brauchen Sie allerdings noch mehr als dreißig Jahre. Da werden Sie etwa
fünfzig Jahre brauchen. Aber es ist für mich die wichtigste und vornehmste
Aufgabe, weil es unsere gesamte Professionalität verändern wird. Wir werden dann
nicht mehr alles selbst tun, sondern Profis darin, die Schultern vieler anderer
Menschen so zu verstöpseln, dass für jeden einzelnen etwas anderes, aber der
richtige Mix an Betreuungsintensität dabei herauskommt.
Fragen aus dem Plenum:
Der Durchschnittsbürger braucht Begleitung, sagten Sie. Was motiviert ihn, einen
Teil der Last auf seinen Schultern zu tragen? Erfahrungen dazu. Was geschieht
mit dem nicht integrierbaren Rest der Behinderten?
Prof. Dörner:
Ihre Fragen beziehen sich auf Satz neun und zehn. Das ist hier natürlich mit die
wichtigste Frage, die Sie hier nochmals verbalisiert haben: was passiert
eigentlich mit den Menschen, mit denen man nicht so toll arbeiten kann, und die
auch die erforderliche Selbständigkeit zum alleinigen Wohnen gar nicht auf die
Reihe kriegen. Was passiert mit dem nicht integrierbaren Rest?
Ich habe das in der neunten These anzusprechen versucht, einmal mit der bewusst
provozierenden Formulierung: Alle oder keiner! Dieses alle oder keiner ist
natürlich die schlimmste Provokation, die man formulieren kann. Und trotzdem
glaube ich aus meinen Erfahrungen, dass es gut ist, wenn man diesen Satz als
Begleitsatz mitlaufen lässt. Wenn man sich so in den Aufbruch hinein gibt und an
das andere Ufer will, und wenn es nun schon der Menschenrechtsgedanke ist, an
den mich Herr Spielmann in der Mittagspause noch mal erinnert hat. Man kann auch
sagen: Bürgerrecht oder Grundrecht. Und da gibt es beispielsweise den Satz der
Gleichbehandlung, einer der vornehmsten Sätze eines Rechtsstaates und der
Verfassung. Nach diesem Menschenrecht der Gleichbehandlung muss ich einfach
fordern: Alle oder keiner. Das hat zunächst nichts damit zu tun, ob das je zu
meinen Lebzeiten zu realisieren ist oder nicht. Das ist ein abstraktes Recht,
das nicht zu widerlegen ist. Das ist einfach so. Und es hat auch strategische
Gründe, warum es günstig ist, diesen Satz immer mal wieder abends vor dem
Schlafengehen zu memorieren.
Sie werden nun die Zeit erleben, hier am Lindenhof, da Sie nun mal so
leichtsinnig, so vorwitzig sind, sich auf diesen Aufbruch zu begeben und zu
gucken, ob und in welchem Umfang der eine oder andere ihrer Bewohner...
-scheußliches Wort : Bewohner. Es reduziert den Menschen auf die Funktion des
Wohnens. Ganz schlimm; das möchte niemand von uns mit sich machen lassen. Aber
wir machen das, oder sprechen von Menschen mit Behinderung, oder
Schutzbefohlenen, und was es alles für schöne Worte gibt. Merkwürdig, was es
alles für Benennungen für Menschen gibt, für Menschen, mit denen wir jeden Tag
umgehen... –
Da Sie sich nun einmal so leichtsinnig auf diesen Aufbruch begeben haben und
auch bereit sind, sich zu diesem Aufbruch zu anderen Ufern nass machen zu
lassen, kann ich Ihnen versprechen, die Anfangszeiten sind höllisch schwer; das
habe ich anfangs auch schon beschrieben, schon deshalb, weil es nur Gegner geben
kann und zwar mit Recht. Und jeder Gegner hat das Recht, Gegner zu sein. Sie
dürfen ihm dieses Recht nicht abstreiten. Wehe, einige von Ihnen kämen auf die
Schnapsidee, aber ich will doch das beste für die Behinderten, und da ist der
Verwaltungsleiter, und da ist die Mitarbeitervertretung, und die denken nur an
ihre Interessen und die sind behindertenfeindlich und ich bin
behindertenfreundlich, d.h. ich bin der moralisch bessere Mensch, und ihr seid
die moralisch schlechteren Menschen.
In dem Augenblick, wo sich jemand so abgewertet fühlt, kann er, der eigenen
Selbsterhaltung zuliebe, nur noch zurückschlagen. Und dann auch unter der
Gürtellinie. D.h., wenn man sich in einen solchen Aufbruch hineinbegibt, ist es
wahnsinnig wichtig, dass jeder auch dem anderen sein Recht zubilligt. Der
Verwaltungsleiter oder kaufmännische Leiter, dessen Rolle es ist, dafür zu
sorgen, dass das Ding betriebswirtschaftlich möglichst viel Mäuse macht. Der
wird dafür bezahlt. Und auch wenn sich das in den Auswirkungen möglicherweise in
Ihren Augen gegen die Interessen der Behinderten richtet.
Es ist sehr viel vernünftiger, die jeweiligen Rollen möglichst gut zu spielen.
Dann geht man in den Ring und sieht, wer gewinnt oder verliert die nächste
Runde. Dann wird aus der Sache ein sportlicher Austausch von Interessen und
Gegensätzen, und man hat zumindest die Chance, so weiterzukommen, dass alle noch
miteinander sprechen können und sich nicht gegenseitig runtermachen müssen. Dies
würde das ganze Klima zerstören. Es würde dann überhaupt nichts mehr passieren.
Der Prozess würde stagnieren und alles versanden. Solche Entwicklungen habe ich
mehrfach in der Bundesrepublik erlebt.
Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass wir im weltweiten Vergleich in
Sachen Deinstitutionalisierung etwa so im Mittelfeld liegen. Da der Prozess der
Deinstitutionalisierung seit Jahrzehnten fortschreitet, kann man auch mit einer
gewissen Großzügigkeit darauf vertrauen, und daran glauben, dass er auch weiter
fortschreitet, egal wie viel Rückschritte es zwischendurch selbstverständlich
geben muss. Sie werden es erleben, dass dieser Prozess nach einer gewissen Zeit
eine gewisse Eigendynamik bekommt. Es entsteht allmählich ein Sog.
Im Augenblick ist alles so schwer, man kämpft gegen Widerstände, man kann die
eine oder andere Wohngruppe zustande bringen. Und nach der dritten, vierten und
fünften Wohngruppe entsteht so ein Zustand, dann ist es schließlich normal, dass
es solche Wohngruppen gibt. Und nach der sechsten oder siebenten Wohngruppe,
legen Sie mich nicht bei den Ziffern fest, merken Sie dann auf einmal, es dreht
sich. Dann zieht der eine Behinderte den anderen nach sich, mit nach draußen.
Jetzt können wir wirklich sagen, es sind die Menschenrechte weitgehend
garantiert, es sind nicht Einschränkungen in der Frage der Privatsphäre, des
Postgeheimnisses, der freien Beweglichkeit, was sonst ja in jeder Hausordnung
eines Helmes in gewisser Hinsicht geregelt und eingeschränkt sein muss, weil es
gar nicht anders geht. Alle diese Dinge sind weitgehend erledigt, sind
weitgehend Vergangenheit.
Innerhalb dieses Rahmens komme ich zu Ihrer Frage mit dem nicht integrierbaren
Rest, Ich habe lange überlegt, ob dieser Satz: „Alle oder keiner" überhaupt Sinn
hat oder für Sie sinnlos ist oder sogar kontraproduktiv ist. Ich habe diesen
kategorischen Imperativ formuliert, der natürlich auch nur eine Norm ist. Kein
Mensch kann diese Norm erfüllen: Handle so, dass Du mit dem Einsatz aller Deiner
Ressourcen immer bei dem jeweils Letzten beginnst, wen auch immer man als den
Letzten definieren mag. Oder: Beginne von dem Schwierigkeitsgrad her, bei dem es
sich am wenigsten lohnt.
Vielleicht gelingt es Ihnen in der täglichen Praxis, wenn Sie gerade mal die
Zeit haben, gerade mal die Lust haben, gerade mal das Team besonders gut gelaunt
ist, oder sonst irgendwelche Zufälle ... , dass Sie dann einen Schritt in die
Verwirklichung dieses Imperativs tun können und einen von den zunächst mal für
unmöglich geachteten schwierigen, nicht integrierbaren Menschen einstreuen in
die nächste Wohngruppe, die Sie gerade aufbauen. Und das reicht vollständig,
weil nämlich dieser nicht integrierbare Rest gar nicht erst entstehen kann.
Dieser so genannte nicht integrierbare Rest ist international ziemlich
übereinstimmend immer etwa 15 % der Gesamtmenge. D.h. es ist Gott sei Dank -
nicht die große Mehrheit, aber es ist auch nicht eine verschwindende Minderheit.
Eine nennenswerte Zahl von Menschen, die dasselbe Recht haben, wie alle anderen
auch. Und diesem Personenkreis können Sie nur gerecht werden, wenn Sie diese
Leute immer in Ihre Bemühungen einstreuen, so dass diese peu a peu den Weg nach
draußen mitmachen, dabei für Sie aber auch den größten Aufwand treiben.
Diese eine Frage ist die Kernfrage, die Sie gestellt und zu Recht so groß auf
die Stellwand geschrieben haben. Die entscheidende Frage lautet: Wie geht man
mit den Menschen um, von denen man meint, dass das gar nicht geht? Darüber würde
ich gerne eine ganze Stunde reden, aber dazu reicht die Zeit leider nicht. Da
gibt es eine ganze Reihe von wirklich professionell zu lernenden Sätzen, wie man
mit diesen umgeht. Ich beschränke mich auf einen:
Ich habe bereits ausgeführt, dass ein Mensch zuerst den Ort seines Tätig-Seins
finden muss und dann seinen Ort zum Wohnen. Mir ist nochmals wichtig zu sagen,
dass sich dieser Prozess nicht umkehren lässt.
Soweit dies jetzt geklärt ist, und es nur noch um das Wohnen geht, und es
handelt sich um einen von den ganz besonders schwierigen Menschen, z.B.
Hirntraumatiker, der monatelang Tag und Nacht permanent schreit, die ganze
Umgebung zusammenstürzen lässt, oder jemand, der in der Forensik war, weil er
permanent fremdgefährlich wird. Dann gilt für das Wohnen beispielsweise ein
Satz-. In einer geplanten Gruppe ist dieser eine schwierige, unerträgliche
Mensch, der Letzte, immer der Einzige, der das Recht auf diese konkrete
Wohngruppe besitzt und alle anderen werden so lange ausgetauscht, bis die
Mischung stimmt. Das klingt jetzt zynisch und technokratisch, ist aber die
einzige Möglichkeit, zu einer für alle erträglichen Lösung zu finden. Dies ist
aber nur einer von ganz vielen Sätzen, die ich da auch noch formulieren könnte,
aber das müssen wir ein andermal machen.
Prof Dr. Dr. Klaus Dörner
1980 - 1996 Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Gütersloh,
organisierte und gestaltete dort die Entlassung aller 435 psychiatrischen
Langzeitpatienten. Er lehrte Psychiatrie an der Universität Witten-Herdecke.
Arbeitsschwerpunkte: Psychiatrie, Medizinethik, Geschichte der Moderne.
Zukunft der Institutionen - Referat Lothar
Sandfort
Fremdbestimmt - Selbstbestimmt
Lothar Sandfort
Ich bin sehr versucht, jetzt auf der Ebene des Eingangreferates ein bisschen
philosophisch-spirituell zu bleiben, um Ihnen zu sagen, was ich mir von Ihnen
wünsche.
1. Wunsch: Das Personal lässt sich von den Behinderten in den Einrichtungen in
den Dienst nehmen!
Es würde zum Gesagten passen, wenn wir z.B. bei dem Bild bleiben, dass Sie der
Blick treffen kann, der Blick: Du wirst in meinen Dienst treten. Darum geht es
mir. Nur, dieser Blick ist schon da, bevor er Sie trifft. Der Mensch, der Sie
mit diesem Blick erreichen kann, muss schon in Ihnen sein, sonst sehen Sie ihn
nicht. Und darum geht es mir. Dass Sie das wissen. Dass diese Menschen
vielleicht sogar heute in Ihren Kopf kriechen, jetzt.
2. Wunsch: Es wird zur allgemeinen Grundüberzeugung, dass das Leben ständigem
Wandel unterworfen ist und wir uns immer neu anpassen müssen!
Was mir noch wichtig ist als weitere Einleitung, wo ich auch schön anknüpfen
kann: Wir haben ja von Prof. Dörner eigentlich eine Geschichte von Fehlern
gehört. Immer wieder zurückblicken, hat er gesagt. Was aktuell richtig
erscheint, kann im Rückblick ein Fehler werden. Dennoch muss aktuell gehandelt
werden. Was ich Ihnen erzähle, ist die Wahrheit und das Richtige. Jedenfalls
glaube ich das heute, hier auf dem Podium. Und: Es ist für mich das Richtige,
für Sie ist es vielleicht das Falsche. Und wenn ich auch fest davon überzeugt
bin, dass das, was ich ihnen heute erzähle, richtig ist, weiß ich auch, dass ich
vielleicht in 10 Jahren sage, "das war falsch".
3. Wunsch: Die Kraft zur Arbeit in einer Institution wird nicht aus den
Behinderten dieser Institution geschöpft, etwa aus deren Dankbarkeit!
Ein weiterer Anknüpfungspunkt ist das Bild mit der selbst gebastelten Heimat
oder jemand Anderen haben, der einen in der Arbeit stützt. Das ist manchmal nur
eine Idee. Beim Herkommen sprachen wir über Franziskus. Versuchen Sie für sich
doch mal eine "künstliche Psychose". Glauben Sie einmal von heute an, Sie hätten
einen Schutzheiligen, wenn Sie es nicht sowieso schon glauben. Und versuchen
Sie, von dem her Kraft zu kriegen. Das könnte gut der Franziskus sein. Er bietet
sich hier an. Versuchen Sie's mal, Sie brauchen nicht religiös zu werden, wenn
Sie es nicht sowieso schon sind. Aber wenn Sie sich vorstellen, ich habe einen
Ort, eine Heimat, wo ich hingehe, die kann mir keiner nehmen. Franziskus ist da,
wenn Sie das glauben. Das heißt, wir haben zwar zusammen eine Konsens-Realität -
wir könnten sonst gar nicht miteinander leben - wir haben aber auch die
Freiheit, uns unsere privaten Realitäten zu bilden, sogar unsere kleinen,
hilfreichen, freiwilligen Psychosen. Und das ist der Unterschied zwischen
künstlicher und natürlicher Psychose. Wir haben die Freiheit dazu.
Wo ich herkomme
Aber ich möchte auch noch ein bisschen konkreter werden mit Anweisungen. Ich
habe so viel von Richtig und Falsch geredet. Jetzt möchte ich auch gerne von
Anweisungen reden. Ich darf das ja jetzt. Weil ich Ihnen gesagt habe, das sind
Anweisungen, die Sie vielleicht übernehmen können für Ihre Realität. Sie müssen
nicht. Ich werde Ihnen etwas erzählen von Selbstbestimmung. Das will ich, den
Auftrag habe ich angenommen. Ich habe den Auftrag bekommen, weil ich Aktiver der
Selbstbestimmt Leben Bewegung bin. Ich bin in einem Zusammenschluss von
Menschen, die von sich sagen, sie seien emanzipatorisch tätig, seien
emanzipiert. Von bestimmten Rollenzuweisungen haben wir uns emanzipiert. Etwa,
dass Behinderte immer Leidende sind oder immer bescheiden. Von bestimmten
Glaubenssätzen befreien wir uns, wie Behinderte sein sollen, wie Behinderte
sind. Wir wissen, dass wir in der Realität der öffentlichen Meinung tatsächlich
lieb, ein bisschen doof und leicht zu verwalten sind.
Und wir setzen gegen diese Realität, gegen diesen Behinderten der öffentlichen
Meinung, ein anderes Bild, das genau so real wie irreal ist, nämlich das des
stets selbstbestimmten, emanzipierten Behinderten. Und die beiden Bilder lassen
wir im Kommunikationsprozess miteinander kämpfen. Dazwischen sitzen wir mit
unserem täglichen Leben.
Geografisch komme ich aus Niedersachsen, dort habe ich mich zur Ruhe gesetzt,
nachdem ich viele Jahre in den Großstädten politisch gearbeitet habe. Ich
arbeite jetzt mehr beratend. Peer-Counceling nennt sich die Methode meiner
Beratung, d.h. soviel wie: Ich berate als Behinderter andere Behinderte und
Systeme, die irgendetwas mit Behinderung zu tun haben.
Ganz kurz: wir haben in Trebel eine Beratungsstelle, in welche Menschen kommen -
aus ganz Deutschland. Genährt wird sie von den Zentren für selbstbestimmtes
Leben, die oft meine Adresse weitergeben, wenn sie Behinderte beraten und auf
eine psychologische, psychotherapeutische Fragestellung kommen. Viele davon
kommen dann zu uns aufs Land. Und da es immer mehr geworden sind, haben wir
irgendwann ein Gästehaus gebaut. Dort gibt es Gruppen, die Urlaub machen, bis zu
20 Personen. Aber es gibt auch Unterkunft für Leute, die zu mir zur Beratung
kommen. Im Gästehaus arbeiten nur Behinderte oder Menschen, die in irgendeiner
Weise mit Behinderung zu tun haben.
Ende der 70er, in den 80er und 90er Jahren haben sich Behinderte in
Organisationen und Vereinen noch mehr als heute zusammengetan. Das passiert
heute weniger, heute emanzipieren sie sich eher vereinzelt. Aber immer mal
wieder erinnern sie sich, dass sie in der Beratungsstelle möglicherweise Hilfe
bekommen.
Vierter Wunsch: Die Kluft zwischen Behinderten innerhalb und außerhalb von
Einrichtungen wird nicht größer!
Ich will nun weniger von dieser Gruppe erzählen, weil das mit Ihrem Berufsalltag
wahrscheinlich weniger zu tun hat. Es gibt mittlerweile eine große Kluft
zwischen Ihrer Klientel und der der Selbstbestimmt Leben Gruppen außerhalb von
Einrichtungen. Ich bezeichne diese Gruppen als "norm-nah" und "norm-ferne".
Wobei die Art der Wohnrealität auch etwas mit dieser Normnähe und Normferne zu
tun hat. Leben in einer Einrichtung, in einer lnstitution bedeutet immer, dass
man der Normalität, der Norm etwas entrückt. Und nicht nur etwas. Es sind
unterschiedliche Systeme.
Ich denke aber, dass Institutionen an sich notwendig sind. Man kann und sollte
Institutionen dezentralisieren, aber die Institution selbst aufzulösen, wie man
das früher in unseren Parolen genannt hat (z.B. "Heim-geh-ein!" - das stand auf
unserem Transparent), fordern wir heute nicht mehr. Heute würde ich das anders
ausdrücken. Institutionen brauchen wir. - Darum lohnt es sich auch hier, bei
solchen Treffen zu versuchen, Menschen zu beeinflussen.
Die behinderten Menschen, die in den Einrichtungen leben, sind in der Regel
solche, die andere Menschen zur Selbstbestimmung brauchen. Das ist jetzt der
springende Punkt. Es gibt einerseits ganz viele selbständige behinderte
Menschen. Die haben heute vielfältige Möglichkeit, sich zu entfalten. Die haben
es auch geschafft, dass bestimmte Gesetze, bestimmte "Setzungen" und
"Voraus-Setzungen“ in unserer Kultur in jüngerer Zeit geschaffen wurden. Sie
kennen den Antidiskriminierungsparagraphen im Grundgesetz, und in diesem Jahr
wird noch ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Das sind schon ganz dicke
Veränderungen, von denen wir als Behinderte auch sehr viel haben. Dieser Prozess
wird weitergehen. Für normnahe Behinderte öffnet sich die Gesellschaft mehr und
mehr. Sie hat die Angst vor diesen Behinderten verloren, die Angst vor einem
Leben, das so eingeschränkt ist wie unseres.
Wir haben mehr Möglichkeiten dadurch, dass das Diskriminierungsverbot jetzt im
Grundgesetz steht, dass die neuen öffentlichen Einrichtungen und die neuen
Verkehrsmittel behindertengerecht sein müssen. Wir können uns anders
entscheiden, wir können wählen zwischen verschiedenen Realitäten. Zudem gibt es
für uns den Luxus, dass wir etwas auch als schlecht empfinden können, mit dem
wir leben. So einen Luxus hat jemand, der in einer Werkstatt ist, nicht. Der
muss, wie wir das ja schon gehört haben, in der Einrichtung die Werkstatt gut
finden, sonst kann er sie gar nicht aushalten.
5. Wunsch: Betreuende verstehen, dass Schwerstbehinderte sie zur Verwirklichung
ihrer Selbstbestimmung brauchen, und werden zu Assistenten!
Es gibt aber viele Behinderte, die einen so anspruchsvollen Körper haben, dass
sie zur Selbstverwirklichung ihres Lebens andere brauchen. Und diese Menschen
können etwas, was wir nicht können, jedenfalls nicht so gut - sie können andere
in den Dienst nehmen. Die haben das gelernt, weil sie keine andere Möglichkeit
zur Selbstverwirklichung haben. Die haben hoffentlich den Blick, der Sie
erwartet, und Sie nehmen ihn hoffentlich an. Der fällt Ihnen auf. Das ist der
Blick, der Sie verändert, der aus Fürsorgern, Betreuern, Versorgern Assistenten
macht. Und Sie selbst, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, haben dafür gesorgt, dass
Sie gar nicht anders können. Das machen Sie spätestens hier, hoffentlich.
Diese Behinderten haben gelernt, wie man Menschen beeinflusst. Das haben Sie und
ich auch schon mal gemacht. Als wir noch ganz klein waren. Neuere
wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass es so etwas wie einen
natürlichen Eltern-Instinkt, Mutter-Instinkt nicht gibt. Auch die kleinen Babies
haben schon Methoden, dass man sich für sie interessiert. Sie können sich darauf
verlassen, dass sie vorher schon in die Köpfe der Eltern gekrochen sind. Gerade
in einer Zeit, in der man sich entscheiden kann, ob man ein Kind kriegt oder
nicht. Die Säuglinge machen das, indem sie zum Beispiel niedlich sind, durch
bestimmte Signale, auf die wir reagieren. Behinderte, die darauf angewiesen
sind, dass man sie annimmt, die treiben lebenslang diese Fähigkeit zur
Perfektion. Das muss nicht immer Niedlichkeit sein, Dankbarkeit ist auch eine
gute Methode. Viele Helfer brauchen das, und das wissen wir Behinderten. Die
brauchen das, dass wir immer wieder Danke sagen. Und damit binden wir sie. Das
ist eine sehr aufwendige, für uns nicht vorteilhafte Methode der Bindung.
Manche Professionelle in den Einrichtungen sind durch ihre Voreinstellung schon
assistenzbereit. Die Aufmerksamkeit andrer Professioneller muss erst durch
Aggressionen, durch Probleme gewonnen werden. So können wir auch binden. Wir
müssen zum Beispiel wissen, welchen Auftrag Sie vom Arbeitgeber her haben. Das
müssen wir herauskriegen, irgendwie erfassen. Welchen Auftrag haben die
Mitarbeitenden in meiner Einrichtung? Haben die den Auftrag, Ruhe herzustellen?
Wenn wir das rauskriegen, dass die den Auftrag haben, Ruhe herzustellen, dann
haben wir sie. Denn dann müssen wir nur Probleme machen. Das ist eine für Sie
sehr aufwendige Bindung. Glücklich, wenn Sie in einer Einrichtung leben, in der
Sie nicht Ordnung halten müssen. Das schafft Beruhigung. Glücklich, wenn Sie
bereit sind, schon vorher wahrzunehmen. Es gibt viele solche Beispiele dafür,
wie Behinderte andere Menschen binden. Was ich zuletzt beschrieben habe, das
sind keine bewussten Prozesse, und sie entstammen auch keiner böswilligen Seele.
Es sind Überlebens- und Selbstbestimmungsstrategien in solchen Kontexten, in
denen Selbstbestimmung noch nicht selbstverständlich ist.
Solche Prozesse gibt es übrigens nicht nur den Einrichtungen, sondern auch bei
der Assistenz außerhalb von Einrichtungen. Viele Schwerstbehinderte haben es
geschafft, außerhalb einer Einrichtung zu leben und ihre eigene Institution
aufzubauen. Sie nennen sich z.B. behinderte Arbeitgeber. Deren Betrieb besteht
darin, sich Menschen zu organisieren, die ihre Mobilität sichern, die ihre
Hygiene sichern, die ihren Arbeitsplatz sichern.
6. Wunsch: Professionelle können verstehen, bevor Probleme gemacht werden
müssen!
Diejenigen, mit denen Sie in der Regel zu tun haben, das sind die
Schwerstbehinderten, mehrfach Behinderten. Viele davon können sich nicht verbal
ausdrücken, und Sie sollen nun dafür sorgen, dass sie selbständig sind. Wie
macht man das? Diese Frage würde ich gerne im folgenden beleuchten-. Wie machen
Sie das? Wie können Sie das überhaupt? Wie können Sie in vielen Situationen
herausbekommen, was Schwerstbehinderte überhaupt wollen? Das ist ein schwieriges
Unterfangen. Und wir haben schon gehört, dass Sie sich das Leben dadurch nicht
leichter machen. Sie machen es sich kurzfristig wesentlich schwerer. Es ist
nämlich scheinbar arbeitserleichternd, wenn die Beziehung hierarchisch bleibt,
und Sie sagen, wo es langgeht und wie es langgeht. Das ist wesentlich einfacher,
als wenn Sie sich auch noch die Mühe machen müssen, jemanden zu verstehen, der
eine andere Sprache spricht als Sie. Ein Beispiel: Zu Ihrem Arbeitsgebiet gehört
jemand, der im Rollstuhl sitzt, nicht sprechen kann, der für den unbefangenen
Blick vor sich hin döst im Rollstuhl, ein schwerer Spastiker. Und jetzt sollen
Sie glauben, dass der nicht döst, dass da was vor sich geht. Dass der sich nur
nicht verbal ausdrücken kann. Sie sind sicher schon mal der Idee begegnet sind,
dass Menschen sich nicht nur verbal, sondern auch nonverbal ausdrücken. Und dann
haben Sie vielleicht auch schon die Auffassung, dass die Sprache vieler
Schwerstbehinderter eben die nonverbale ist. Dass diese Behinderten die
nonverbale Spreche viel besser sprechen, weil sie lernen mussten, nur sie zu
sprechen: mit Mimik und Gestik. Aber nun sitzt dieser Mensch behinderungsbedingt
in seinem Rollstuhl so, dass der Kopf nach unten geneigt ist, und jetzt sollen
Sie den verstehen. Jetzt müssen Sie auf die Knie gehen. Weil er nun mal im
Rollstuhl so eingerichtet ist, müssen Sie auf die Knie gehen und von unten nach
oben schauen. Das ist schwer. Das ist erst mal schwer aushaltbar. Leichter ist
es, davon auszugehen, dass der Rollstuhlfahrer döst. Dann kann man ihn
versorgen. Und dann stimmt die Welt. Wenn Sie davon ausgehen, dass der ganz viel
zu sagen hat, dann stimmt das einfach nicht mehr, wenn Sie stehen bleiben und
schauen, von oben nach unten.
Lassen sie uns mal ganz kurz auf den Begriff von Herrn Dörner zurückkommen. Ich
habe immer etwas Schwierigkeiten, wenn der Begriff "Sorge" Anerkennung bekommt.
Das ist ein schöner Begriff. Genau wie das "sich kümmern". Kümmern ist ein
wunderschönes Wort, aber es ist belastet. Worte haben manchmal geradezu
"chemische Eigenschaften", die Verbindungen suchen. So eine Kraft hat das Wort
Sorge für die Silben "für", "vor“ und "ver“. „Sorge" allein kommt selten vor.
Oft Fürsorge, Vorsorge, versorgen. Und ich finde, bei solchen Begriffen sollten
wir vorsichtig sein. Sie stehen oft im Gegensatz zur Selbstbestimmung.
7. Wunsch: Professionelle werden Assistenten zu ihrem eigenen Vorteil!
Sie selber haben etwas davon, wenn Sie Behinderte besser verstehen. Das möchte
ich auch unterstreichen. Es ist nicht so, wie Prof. Dörner ausführte, dass
niemand das will und das "eigentlich" niemand Selbstbestimmung in Einrichtungen
wollen kann. Ich glaube schon, dass Sie etwas davon haben. Zum Beispiel, dass
Sie im Vorfeld von Problemen Behinderte schon verstehen und Probleme verhindern
können, das macht Sie als Arbeitnehmer attraktiver. Sie bekommen die besseren
Jobs. Außerdem erhalten Sie mehr gesellschaftliche Anerkennung, wenn Sie diese
offene Haltung haben, die den Behinderten anders definiert. Dann werden Sie
anerkannt und Ihr Team und Ihre Institution.
Die alten Einrichtungen werden irgendwann einmal keine Anerkennung mehr
bekommen. Und deswegen können die nicht einfach so weitermachen wie bisher. Wenn
die Einrichtungen sich erhalten wollen, müssen Sie sich ändern. Das ist auch
eine alte philosophische Weisheit, an die ich glaube. Nur wenn die Einrichtungen
sich verändern, werden sie sich erhalten können. Und das wollen Sie doch, sich
und Ihre Institution erhalten. Aber Sie werden sie nicht erhalten können, wenn
Sie so bleiben, wie Sie sind. Also, ist es besser sich zu ändern. Und das machen
Sie hier vielleicht. Und deswegen gibt es heute die Veranstaltung hier.
Es ist gut, wenn Sie Spaß daran haben, sich die Arbeit aktuell anstrengender zu
machen. Sie bekommen etwas dafür. Wenn Sie Behinderte, die ich meine, versuchen
zu verstehen, wenn Sie deren Lebensgeschichte verstehen, dann werden Sie einer
Lebensgeschichte begegnen, die anders ist als Ihre. Und das ist klasse. Wenn Sie
so eine Arbeit machen wie ich, beratend tätig sind, psychologisch vielleicht
sogar, dann sehen Sie in jedem Leben, das sich Ihnen öffnet, in jeder
Lebensgeschichte, ein ungeheures Geschenk. Sie erleben so etwas wie ein Buch zu
lesen. Jede Beratungstätigkeit ist für mich so etwas, wie einen Roman miterleben
zu dürfen, ihm vielleicht etwas zuvorzukommen und dann wieder zurückzugehen,
rauszugehen. Der Roman wird weiterlaufen. Ich weiß nicht immer, wie er endet,
aber ich habe ihn miterlebt, das macht Spaß, das können Sie auch haben.
8. Wunsch: Die Systeme insgesamt können verändert werden!
Das System der Einrichtung insgesamt muss allerdings mitmachen, nicht nur Sie
müssen mitmachen, sondern Sie müssen gleichzeitig die Systeme dazu bewegen,
mitzumachen.
Wir haben heute Vormittag darüber gesprochen, wie schwer es ist, zu
dezentralisieren, wenn die Bestimmungen dazu so weit gehen, dass sie
vorschreiben, wo das Handtuch hängt. Wenn ich eine Wohnung für behinderte
Menschen einrichte in der Gemeinde, und ich muss solchen Bestimmungen folgen,
dann muss ich kreativ sein. Es gilt ein pädagogisches Konzept zu entwickeln. Das
muss aufgeschrieben werden. Dass diese Einrichtung es für pädagogisch sinnvoll
hält, dass das Handtuch auf dem Fußboden liegt. Weil es in vielen Familien so
ist, dass das Handtuch auf dem Boden liegt. Es gibt den Handtuchhalter und das
Handtuch auf dem Fußboden. Das kenne ich von meiner eigenen Familie und Sie
vielleicht auch. Und es ist pädagogisch sinnvoll, wenn man das Leben in einer
Einrichtung wie in einer Familie gestalten kann, in der das Handtuch unten
liegt. Das muss irgendwo stehen. Irgendwo muss es in einer Akte stehen als
Beschluss, falls jemand kommt und wegen solcher Kleinigkeiten etwas von Ihnen
will.
9. Wunsch: In den Einrichtungen wird mehr Sexualität ausgehalten!
Ein anderes Beispiel für Schwierigkeiten bei der Dezentralisierung und der
Normalisierung in Einrichtungen: Mit dem Zusammenleben von Männlein und Weiblein
kommt natürlich auch etwas in die Institution, was man vorher schön auseinander
und weg gehalten hat: nämlich Sex. Plötzlich mischen sich in der Luft die
Hormone. Und die Menschen beginnen das, was ihnen so nahe ist, zu begehren. Was
jetzt ? Da gibt es ein Problem, das immer mehr diskutiert wird, welches auch
immer mehr in meiner Beratungsstelle auf mich zu kam.
Mit der Normalisierung von Institution kam in breitem Stil das Thema Sex in
Einrichtungen der Behindertenarbeit auf. Lange Zeit konnte das auch in den
offenen Einrichtungen ferngehalten und unterdrückt werden. Mittlerweile sind wir
aber so weit, dass das nicht mehr geht. Bei den anderen Behinderten, die sich
emanzipiert haben, und die sich schon mehr in die Gemeinde integrierten, sich
verallgemeinert haben, sind wir auf eine andere Weise voran gekommen.
Nachdem sich diese Behinderten ihr Überleben gesichert haben bezüglich der
Grundbedürfnisse, begannen sie, sich der Sexualität zuwenden. Zuerst muss das
Elementare abgesichert sein, dann kommt der Sex. Die Frage stellt sich heute:
"Wie kann ich mehr Erotik haben und mehr Sex?". Viele, in besonders schwierigen
Lebenssituationen, sind auf die Idee gekommen, man sollte doch Sexualbegleiter
und Sexualtherapeuten einführen, zwei sehr unterschiedliche Professionen. Wir in
der Emanzipationsbewegung sind der Ansicht, unsere Sexualität, auch wenn sie von
verschiedenen Einschränkungen geprägt ist, verdient es nicht, therapiert zu
werden, weil unsere Sexualität nicht krank ist.
Aus den Einrichtungen kommt gleichzeitig und seltsamerweise der Bedarf und der
Ruf nach Frauen und auch Männern von außen, die in die Einrichtungen kommen und
dort bezahlte sexuelle Dienstleistungen anbieten. Das ist häufig eher der Ruf
nach Sexualtherapie. Die Vorstellung ist: Es bleibt alles so in der Einrichtung,
wie es war. Dieses Thema Sexualität, das so unappetitlich einfach zu uns
hereingeschwappt ist, das selbst uns als Mitarbeitende in Verwirrung bringt, das
wollen wir irgendwie wieder weg haben und möglichst so, dass wir für uns sagen
können, es ist gut für die Behinderten. Außerdem sind die so aggressiv geworden
und das aggressive Verhalten so sexuell geprägt, dass es gut wäre, wenn eine
Sexualtherapeutin käme und sich des Themas annimmt. Das passiert jetzt auch.
Aber: Wenn sich die Institution selber nicht verändert, wenn sie nicht
"erotischer" wird, wenn sie glaubt, dass sie das Problem nur durch
hinzugezogene, neue Professionen loswerden kann, dann entsteht das gleiche wie
beim Essen: Der Hunger kommt, er wird gestillt, und dann kommt er wieder. Es ist
aber ein Unterschied zwischen Essen und Sexualität. Es müssen Formen gesucht
werden, wo sich die Menschen in der Einrichtung selbst mehr Lust bereiten
können. Hierzu muss sich die Einrichtung ändern.
Das ist der nächste Schritt. "Aber jetzt haben wir doch gerade so schöne offene
Einrichtungen, und schon kommt wieder irgendein Spinner daher und sagt: Das ist
noch nicht genug." Wenn wir ausrufen: Selbstbestimmung in die Einrichtungen,
dann muss es auch möglich sein, dort solche Bedürfnisse wie Erotik und
Sexualität selbstbestimmt zu leben. Man kann nicht einfach eine neue Profession,
einen Sexualtherapeuten von außen hereinholen, aber an sich nichts verändern
wollen.
10. Wunsch: Behinderte werden in ihren Inszenierungen gehört und akzeptiert!
Ich habe das Gefühl, noch nicht deutlich genug gemacht zu haben, über welche
Wege auch Schwerstbehinderte verstanden werden können. Darum komme ich auf eine
andere Ausdrucksform, die der Inszenierungen. Es ist gut, wenn wir
Auffälligkeiten, wenn wir nonverbale Sprache verstehen können. Wenn wir unsere
Arbeit gut machen wollen, müssen wir nonverbale Sprache kennen. Auffälligkeiten
sind die nonverbale Sprache, die immer lauter wird, bis sie eines Tages nicht
mehr überhört werden kann. Gut ist es, wenn Sie im Vorfeld schon schauen, was
sich hier entwickelt, was eine Person zum Beispiel inszeniert. Sie müssen bereit
sein, Inszenierungen zu verstehen und anzunehmen.
Ein Beispiel: in einer Einrichtung gibt es einen Gymnastikraum. Dort ereignet
sich eine kleine wunderbare Szene. Ein schwerstbehindertes Mädchen liegt auf der
Matte, 13 Jahre alt, kann nicht sprechen. Auf der Matte liegt eine Decke. Ein
junger Mann, auch schwerstbehindert, der sich aber besser bewegen kann als das
Mädchen, geht auf sie zu, nimmt die Decke, und zwischen beiden entwickelt sich
ein kleines Spiel. Er nimmt die Decke und zieht sie über ihren Kopf. Und dann
zieht er sie wieder weg, und das wiederholt sich zwei-, dreimal, und der
Beobachter findet, dass die beiden Spaß haben.
Eine Pädagogin sieht aber, dass da eine Decke über ein Gesicht gezogen wird. Das
findet sie bedrohlich. Vielleicht aus eigenen Erlebnissen, aber auch aus ihrer
Verantwortung heraus, dass das Mädchen Luft kriegen muss. Und sie unterbindet
dieses Spiel. Ungeheuer schade.
Was sich nämlich entwickelt hat, war vielleicht eine kleine Liebesgeschichte.
Hätte weitergehen können. Wenn die Pädagogin (es kann auch ein Pädagoge sein)
gewohnt gewesen wäre, nonverbale Inszenierungen spontan zu verstehen und bedacht
hätte , dass dieses Mädchen sich wehren kann (sie kann zwar nicht sprechen, aber
sie kann schreien), dann wäre die kleine Geschichte weiter gegangen.
Selbstbestimmung unterstützen heißt, zu verinnerlichen, wann man eingreifen muss
und wann Behinderte etwas für sich selbst regeln können. In der Schule schreit
das Mädchen ja auch, wenn ihr etwas unangenehm ist. Sie schreit so laut, dass
sie vor die Tür gebracht werden muss, damit der Unterricht weitergehen kann. Sie
spitzt etwas zu. Sie kann sich wehren. In dieser Situation hat sie aber nicht
geschrieen. Und die Pädagogin wusste, dass sie schreien kann. Das ist der
Unterschied zwischen Selbstbestimmung verstehen und nicht verstehen. Es gilt,
nonverbale Inszenierungen zu verstehen.
Ein anderes Beispiel: Es gab in einer ostdeutschen Einrichtung schöne frische
Kleidung der Institution für alle. Ein behinderter junger Mann zog sie immer aus
und urinierte in die Kleidung. Letztendlich war zu verstehen, dass er sich diese
Institutions-Kleidung als seine "angeeignet" hat. Aus diesem Verstehen
entwickelte sich die Idee, ihm ein Schnuffeltuch zu geben, das nicht gewaschen
werde durfte. Etwas, das nach ihm riecht, das sein eigen ist. Das öffentliche
Urinieren hat außerdem eine sexuelle Komponente: Grenzen überschreiten,
Körperflüssigkeiten abgeben. So geht es mit dem Verstehen von Inszenierungen.
Noch ein Beispiel, das ich schon einmal veröffentlicht habe: Jemand hatte die
Eigenschaft, Zeitungen zu nehmen und sie immer in ganz kleine Schnipsel zu
schneiden, ganz gleichförmig, und das machte er tagein und tagaus. Irgendwie
beruhigte ihn das. Er tat die Schnipsel in Säcke, Kisten und Kästen und stellte
diese in sein Zimmer. Bis irgendwann jemand vom Personal sagte: Jetzt ist
Schluss. Jetzt muss hier mal aufgeräumt werden. Und dann wurde unter enormem
Geschrei das Zimmer ausgeräumt. Sie verstehen aber, dass dieser Mensch
offensichtlich das Bedürfnis hatte, sich zu beruhigen, indem er sich Vorrat
anlegte und in Kisten und Kasten "Getreide" sammelte und hortete. Für ihn waren
die Schnipsel Getreide. Es war Getreide. Und stellen Sie sich vor, Sie hätten
ein Getreidelager angelegt und irgendjemand kommt und raubt ihnen die ganzen
Vorräte. Was würden Sie dann tun?
Wenn aber jemand kommt und bittet Sie, von den Vorräten etwas abzugeben, dann
können Sie das tun. Denn Sie wissen ja, Sie können die Vorräte wieder anlegen.
Wenn Sie als Personal nun nicht hingehen und dieses Zimmer ausräumen, sondern
diese andere Wahrnehmung, diese andere Welt respektieren und sagen: Sie ist
wirklich, weil ein Mensch sie lebt, dann können Sie einen Kompromiss zwischen
den verschiedenen Weiten herstellen, zwischen Ihrer und seiner. Sie haben ja den
Auftrag, dass das Zimmer in Ordnung bleibt (wegen der Aufsichtsbehörden, die
danach schauen). Sie müssen die verschiedenen Welten einander anpassen. Das ist
das, was ich meine mit wahrnehmen und aushalten von anderen Weiten, und jemandem
zur Selbstbestimmung verhelfen, der auf sie angewiesen ist. Dazu müssen Sie sich
in den Dienst nehmen lassen.
Wenn Sie das Glück haben, dass Ihnen in der Kommunikation mit dem behinderten
Menschen auch die verbale Ebene zur Verfügung steht, dann können Sie trotzdem
nicht weitermachen wie bisher. Das wäre jedenfalls mein Wunsch. Vielleicht
werden Sie sich auch noch eine andere Weisheit aneignen. Nämlich, dass Sie nicht
bestimmen, was Sie selber sagen, sondern derjenige, dem Sie assistieren. Er
bestimmt, was Sie sagen. Das werden Sie sicherlich schon wissen. Der Empfänger
bestimmt, was gesagt wird. Und damit Sie wissen, was Sie gesagt haben, wäre es
gut, sich zu vergewissern, was der andere gehört hat. Wenn Sie Selbstbestimmung
wollen, wenn Sie wollen, dass der Behinderte Ihnen gegenüber sich selbst
bestimmen kann, müssen Sie ihn gehört haben und er Sie.
Fragen aus dem Plenum
Erster Punkt: Sexualität
Antwort: Es gibt Teams und Dienstbesprechungen, da wird über Sexualität geredet
und über Ängste, die abgebaut werden sollen. Wenn man Sexualität, das Ausleben
von Sexualität unterstützt, darf damit nicht das Gefühl verknüpft sein, dass
etwas Verbotenes, Strafbares geschieht.
Sexuelle Hilfestellung ist immer nur so lange "strafbar" zu machen, wie sie im
Geheimen passiert. Wenn nämlich jemand kommen und sagen kann, die Mitarbeiterin
oder der hat bei der Hilfe Lust empfunden, dann wird das gefährlich für die.
Wenn Sie aber, wie beim Handtuchhaken (siehe Referat!), ein pädagogisches
Konzept daraus machen, dann kann Ihnen gar nichts passieren. Gut ist, wenn Sie
pädagogisch begründen: Wir holen eine Sexualbegleiterin, und zwar eine, die
wirklich verselbständigt, die nicht nur befriedigt. Die nehmen wir. Dann kann
Ihnen da nichts passieren. Oder wenn Sie in der Einrichtung dafür sorgen, dass
die Zimmer abgeschlossen werden können, Sie nur im Notfall reingehen und die
BewohnerInnen Ihnen das glauben, Dann ist das Förderung der sexuellen
Selbstbestimmung. Also: abschließbare Räume, Kuschelräume, in denen Besuch von
außen möglich ist, eine Besuchswohnung, in welcher sich die Betroffenen
zurückziehen können und sicher sind, dass Sie nicht hereinkommen. Das ist
wichtig; jeder kann sich wohl an seine ersten sexuellen Betätigungen erinnern
und an die Furcht, dass Vater oder Mutter reinkommen. Fürchterlich.
Ein Zimmer, das man abschließen kann, gibt mehr Freiraum für Erotik. Oder ein
Zimmer in einer eigenen, wenn auch betreuten Wohnsituation. Attraktivität,
gerade von Männern, aber auch von Frauen, hat nicht nur etwas zu tun mit dem,
was wir sind, sondern auch damit, was wir haben. Wenn Sie eine eigene Wohnung
haben oder zumindest einen Raum, den Sie Ihr Eigen nennen, und der auch wirklich
Ihr Eigen ist, dann können Sie besser einladen. Dann können Sie jemanden in Ihre
Wohnung holen, ein Nest anbieten. Es gäbe noch viele Beispiele. Die
Einrichtungen müssen erotischer werden. Sie müssen das nicht unbedingt so
nennen, man kann es auch als "offener" bezeichnen. Und diese Aufforderung lässt
sich umsetzen.
Dipl. Psych. Lothar Sandfort
Peer Counselor ISL - Leiter des Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter in
Trebel. Seit 30Jahren Engagement in der emanzipatorischen Behindertenbewegung.
Zukunft der Institutionen - Referat
Prof. Evemarie Knust-Potter
Enthinderung:
Evemarie Knust-Potter:
Die Überwindung von Barrieren zur Partizipation in der Gemeinde
Als ich den Titel einer meiner Kolleginnen nannte, meinte sie: Na, das hört sich
ganz schön noch Ankündigung von Patentrezepten an. Und ich weiß nicht, ob ich es
schön fände oder nicht, wenn ich Ihnen jetzt einige ganz kurze prägnante und
wirksame Erfolgsrezepte überreichen könnte. Die Überwindung von Barrieren,
sowohl sozialer als auch räumlicher, ist eine Vision, der wir uns annähern
können, ohne sie wohl je völlig zu erreichen. Wenn wir ein Boot bauen wollen,
brauchen wir die Sehnsucht nach dem Meer und den Mut, ins Wasser zu fallen. Wenn
wir die konsequente Deinstitutionalisierung wollen, brauchen wir die Sehnsucht
nach Barrierefreiheit und Vielfalt in den Gemeinden. Es ist diese Sehnsucht, die
professionelle Wege begleitet, Energien frei setzt und das "Nasswerden" nicht
nur aushalten lässt, sondern immer wieder als Chance entdeckt.
Ich habe in Bonn, Köln und England Erziehungswissenschaft, Heilpädagogik und
Sozialpädagogik studiert. Nach dem Studium habe ich als Dozentin in der
Fachschule für Heilerziehungspflege in den Mariaberger Heimen gearbeitet, einer
Großeinrichtung hier in Baden-Württemberg für Menschen, die als "geistig
behindert“ bzw. "lernbehindert" bezeichnet werden. Ich arbeitete und wohnte ca.
7 Jahre in der Einrichtung und konnte dort umfassende Erfahrungen machen. Die
Einrichtung verfügte über umfangreiche Angebote der Frühförderung, Schulen,
therapeutischer Bereich, WfB’s und Wohnangebote. Ich lernte sehr viel dort von
meinen KollegInnen, Studierenden, Schülerinnen, aber vor allen Dingen auch von
den HeimbewohnerInnen, weil ich auch auf dem riesigen Gelände wohnte. In den
sieben Jahren wurde mir die Problematik der Institutsunterbringung und die
eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten immer deutlicher.
Ich verstand aus ganz eigener Erfahrung, was Versorgungsmentalität heißt. Auch
ich profitierte von den Regiebetrieben, was dazu führte, dass ich keine
Glühbirne mehr selbst im Hausflur einschraubte oder meine Wäsche in der
Wäscherei waschen und mangeln ließ. Trotzdem kontrastierte mein Leben doch noch
sehr stark vom Leben der HeimbewohnerInnen. Meine Nachbarinnen wohnten in
Gruppen, mit Personen, die sie sich in der Regel nicht selbst gewählt hatten,
waren Institutionsroutinen ausgesetzt, denen sie sich nicht oder nicht so
einfach widersetzen konnten, dazu brauchten sie sehr, sehr viel Stärke. Ich
lebte mit meinem Mann, den ich mir selber ausgesucht habe, zusammen, in einer
Wohnung mit Klingel und unserem Namensschild. Meine erwachsenen Nachbarinnen
wohnten in Gruppen mit Namen wie Maikäfer oder Bienen. Ihre eigenen
Familiennamen fanden sie an keinem Türschild, sondern höchstens in ihren
Kleidungsstücken, die alle gekennzeichnet werden mussten. Meine NachbarInnen
hatten kaum Möglichkeiten, das Heimgelände zu verlassen. Wir hatten unser Auto.
Mir wurde in den Jahren immer klarer, dass das Leben in einer Großinstitution
auf Dauer nicht das Leben ist, das sich die meisten Menschen für sich selbst
wählen würden, ob sie nun als behindert oder nicht behindert gelten. Nach den
sieben Jahren war es schwierig, mich von den Menschen dort zu trennen. Aber es
war die Realität der totalen Institution, die mich fortzog.
Ich ging dann an die FU nach Berlin und begann eine Dissertation zum
gemeinwesenintegrierten Wohnen. Hier fiel mein Interesse auf die so genannten
Community Care oder Community-Living-Bewegung. In England hat mir gefallen,
dass es sich dort nicht um vereinzelte Modellvorhaben handelt, sondern um eine
landesweite Deinstitutionalisierungsbewegung zugunsten integrierter Wohn? und
Lebenssituationen. Im Rahmen eines Forschungssemesters habe ich dann in England
mitgearbeitet. Es wurde mir in diesem halben Jahr deutlich, dass eine reine
Veränderung der räumlichen Situation nicht ausreicht.
Stellen Sie sich vor, sie würden eine Großinstitution nehmen, sie in einen
Fleischwolf geben und unten kommen lauter kleine Mini-Institutionen mit
traditionellen Kommunikations- und Interaktionsstrukturen raus. Eine Tatsache,
die wir bei einigen Wohnmodellen oder so genannten "Außenwohngruppen" beobachten
können. Ich bin sicher, dass jeder Mensch, der in einer Institution gearbeitet
hat und die Vision und den Willen entwickelt, im Gemeinwesen gute Arbeit zu
leisten, das auch kann. Aber es ist ein langer Prozess und damit verbunden, des öfteren nass zu werden. Es wurde mir klar, dass es nicht nur um einen
Wohnortwechsel geht, sondern um die gesamte Lebenssituation in einem Alltag ohne
Segregation. Das schlägt dann wieder Wellen auf die gesamten Strukturen und hat
Konsequenzen für alle involvierten Akteure. Für mich wurde immer deutlicher,
dass ein Einsatz von Nichtsegregation und Gemeinwesenmitgliedschaft humanere
Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung als Ziel hat. Es ist nicht nur
das Wohnen, sondern es geht um Gemeinwesenmitgliedschaft im Rahmen von
Community-Living. Sie basiert in ihrer theoretischen Orientierung auf dem
Normalisierungsprinzip. Sie setzt die De?Institutionalisierung, die Abschaffung
von aufgezwungener Segregation voraus. Es handelt sich um den Zugang zu
Wohnraum, zu Arbeit und weiteren Lebensaktivitäten im Quartier.
Es kann gut passieren, dass in den so genannten "Außenwohngruppen" der
Stellenschlüssel ein anderer ist als in den "Innenwohngruppen". Dadurch besteht
sehr wenig Möglichkeit, überhaupt am Community-Living, am Gemeinwesenleben
teilzunehmen. Das erfordert die Bündelung von Handlungsmöglichkeiten der
Menschen mit Assistenzbedarf auf der Basis von Selbstbestimmung und
Selbstvertretung. Das erfordert einen Umdenkungsprozess bei den Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern.
Es geht um einen Wandel des professionellen Selbstverständnisses und der
sozialen Dienstleistungsstrukturen, von der Defizit- zur Ressourcenorientierung
und von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung. Der erfordert Strategien zur
Anregung des Bewusstseins der Öffentlichkeit durch unterschiedlichste soziale
Kontakte und Begegnungsmöglichkeiten im Gemeinwesen und in Alltagssituationen.
Ich möchte im Folgenden auf die tragenden Elemente von Community-Living
eingehen. Ich hatte das Normalisierungsprinzip als Basis genannt. Das
Normalisierungsprinzip ist ein Ansatz für die Aufwertung der existentiellen und
sozialen Rollen von Menschen mit Behinderungen. Es beruht auf einer
humanistisch-emanzipatorisch geprägten Wertebasis, die Gleichheit,
Antidiskriminierung, Entscheidungsfreiheit und Rechte auf Selbstbestimmung
einschließt.
Nach dem Fundament nun zu den vier Säulen: In der ersten Säule steht die
Deinstitutionalisierung, das Wohnen und Leben im Gemeinwesen im Vordergrund. Die
Institution als Ort und die Therapie als Intervention wurden in Frage gestellt.
Ich möchte hier von drei Etappen sprechen: Die erste Etappe der
Institutionalisierung ist das
· „medizinisches Modell", ganz grob als Schlagwort, wie es bis heute existiert.
Die zweite Etappe ist die
· Deinstitutionalisierung, das Entwicklungsmodell und als dritte die
· Gemeinwesenmitgliedschaft, das Assistenzmodell.
Zu verstehen ist das als ein Wandel von der Institutionalisierung über
dezentrale Wohnangebote nach dem vorgegebenen Schnittmuster der Fachleute zum
selbstbestimmten Leben mit fachlicher Assistenz. Bei dem zweiten Punkt geht es
um die Deinstitutionalisierung, d.h. um einen Wandel vom
medizinisch-defizitorientierten Leitbild und der sich daraus ergebenden warmen
und beschützenden Haltung hin zu einem entwicklungsorientierten Leitbild. Die
Komplexität des Ansatzes wurde aber vielfach immer auf die Veränderung der
Wohnsituation reduziert. In einem gewöhnlichen Stadtteil zu wohnen ist ein
wichtiger Beginn. Dies bedeutet aber noch nicht, ein partizipierendes Mitglied
der Nachbarschaft zu sein.
Hier setzt der dritte Wechsel ein, der der Gemeinwesenmitgliedschaft und der
funktionalen Assistenz. Dieser Wandel setzt Veränderungen von Systemen voraus.
Eine Besonderheit des dritten Paradigmas liegt in der Betonung und Unterstützung
von Selbstbestimmung, Einbeziehung des Alltags und der Lebenswelt der Menschen
und der Frage danach, was identitätsfördernde und hemmende Bedingungen sind. Zu
den Punkten haben sich Menschen in marginalisierten Positionen selbst zu Wort
gemeldet und traditionelle Dienstleistungssysteme und professionelle
Handlungsweisen in Frage gestellt.
Wir kommen zu der zweiten Säule. In dieser Säule steht die Perspektive der
Menschen mit Behinderung im Vordergrund. Es geht um neue Wege der
Identitätsfindung hin zur Selbstbestimmung und Selbstvertretung. Mein
Blickwinkel ist die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland, primär von
Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden. Der Wendepunkt begann
aber mit der Etappe, in der es um die Ausweitung auf ganz neue und andere
Dimensionen geht. Es geht um das Gewahrwerden und die Entwicklung eigener
Stärken und Fähigkeiten. Im Gegensatz zur expertenorientierten Intervention
setzt Empowerment bei den Fähigkeiten von Einzelnen und Gruppen zu
Selbstbewusstsein, Selbstorganisation und Selbstbestimmung der Lebensform an.
Auch wenn der Grad der Selbstbestimmung von Person zu Person variiert, ist es
doch so, dass die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Menschen, besonders eben
auch der Menschen, die als geistig oder mehrfach behindert bezeichnet werden,
weit unterschätzt wurden und werden.
Wir haben erlebt, wie Menschen aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung Gruppen
leiteten und auf Kongressen Workshops anboten. Die Wege dahin sind oft noch
etwas steinig. An unserer Hochschule hatte ich beispielsweise ein Problem mit
der Abrechnungsstelle, als ich ein Mitglied der Dortmunder
Selbstbestimmt-Leben-Gruppe als Gastdozenten in mein Seminar eingeladen habe. Er
hat über Jahre hinweg in einer Großinstitution gearbeitet und gelebt und ist
seit drei Jahren in seiner eigenen Wohnung in einem Gemeinwesen. Er hat sehr
viel Informationen, die er den Studierenden authentisch darlegt. Er hat ganz
große Schwierigkeiten gehabt, aus dieser Institution heraus zu kommen, weil er
immer noch etwas dazu lernen musste, um endlich soweit zu sein, dass er
selbständig leben konnte.
Die Studierenden haben dann festgestellt, dass sie die Frage nach ihrer
Selbständigkeit überhaupt nicht gestellt bekamen und sich auch nicht gestellt
haben. Sie sind einfach ins Wasser gesprungen und nass geworden. Und dieses "Nass-werden"
sollte nicht nur etwas sein, das wir uns gönnen, sondern auch etwas, das wir den
Menschen, die in Institutionen oder im Gemeinwesen leben, gönnen sollten und
müssen.
Problematisch war in der Hochschule, dass vom Zuständigen gesagt wurde, dass
Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden, doch nicht in einer
Hochschule dozieren können; er hätte doch die Qualifikation nicht. Ich habe ihn
in ein Seminar eingeladen und gesagt, nachdem er sich das angeschaut hat, kann
er sich seine Meinung bilden. Jetzt ist es etwas ganz Normales, dass Menschen
aus der Selbstbestimmt-Leben-Gruppe an behindertenpädagogischen Seminaren
dozieren. Es ist ganz wichtig, solche strukturellen Behinderungen auszuräumen.
Das ist eine wichtige Funktion der Öffentlichkeitsarbeit. Und diese Arbeit muss
situationsorientiert geschehen.
Seit ca. 1 1/2 Jahren haben wir eine Selbstbestimmt-Leben-Gruppe.
Hand-in-Hand-Gruppe nennt sich die in Dortmund. Sie wurde von Studierenden der
Fachhochschule und Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden,
gegründet. Wichtige Aktionen der Gruppe sind neben dem Austausch über die eigene
Wohn?, Lebens? und Arbeitssituation die Aktionen für unsere Partner in Indien.
Diese haben Kunstgewerbegegenstände geschickt, die die Hand-in-Hand-Gruppe
verkauft hat. Andere Aktionen für Indien waren ein Glühweinstand auf dem
Weihnachtsmarkt und eine Cocktailbar am Unifest. Das sind Aktionen, die von der
Hand-in-Hand-Gruppe vorgeschlagen worden sind und nicht etwas, das von uns kam.
Später kamen zwei Vertreter der indischen Gruppe nach Dortmund und die
Hand-in-Hand-Teilnehmer konnten ihre Einnahmen direkt den indischen Freunden
übergeben. Die Teilnehmer der Gruppe erlebten sich in der Rolle der Anbieter,
nicht als Hilfs- und Fürsorgeempfänger und wurden auch so in der Öffentlichkeit
wahrgenommen.
Das war ein wirklicher Sprung, auch in der Selbstwahrnehmung der TellnehmerInnen.
Es war eigentlich die Vision der Hand-in-Hand-Gruppe, etwas für die Freunde in
Indien zu tun, und jetzt wird diese Vision wahr. Dies ermöglicht eine ganz neue
Sichtweise der Betroffenen von sich selbst, von einem eher negativen, von
Minderwertigkeits- und Ohnmachtgefühlen geprägten, hin zu einem selbstbewussten
und positiven Selbstbild. Am Anfang waren in der Gruppe noch viele solcher
negativen Selbstbilder präsent, die sich zu dieser Vision hinentwickelt haben.
Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Selbstbestimmung nicht grundsätzlich
mit Selbständigkeit verwechselt werden darf. Eine derartige Verwechslung wäre
fatal, da sie implizieren würde, dass Hilfe und Assistenz nicht nötig sind und
die Menschen mit der Legitimation einer pseudoprogressiven Worthülse sich selbst
überlässt, wie es uns die Erfahrungen in Großbritannien und in den USA trotz der
vielen positiven Erfahrungen auch vorführen.
Mit dem Stichwort Assistenz wäre ich bei der dritten Säule, den
Mitarbeiterlinnen. Das Personal in kleinen dezentralisierten Gemeinwesen
benötigt andere Fähigkeiten und Fertigkeiten als traditionell in
Institutionssettings erwartet werden. Der Wandel könnte wie folgt beschrieben
werden: Von außerhalb zu innerhalb des Gemeinwesens; die Arbeit findet
idealerweise nicht mehr in geschlossenen, von der Gesellschaft außen
abgegrenzten Großinstitutionen statt, sondern in kleinen Einheiten inmitten der
Wohnquartiere.
Von der Dominanz zur Interdependenz. Die Professionellen verstanden sich und
gelten als die ausgewiesenen Fachleute. Die Beziehung zu den Menschen mit
Behinderungen und ihren Familien war oft geprägt von einem gut meinenden, aber
dominierenden Anspruch auf Autorität und Wahrheit. Diese Einstellungen werden
neuerdings - Gott sei Dank - immer mehr in Frage gestellt. Interaktion und
Beziehung zwischen Bewohner und Personal werden zunehmend als Prozess
verstanden, in dem alle Akteure sich verändern und entwickeln.
Wir als gelernte Fachleute befinden uns auf dem Weg der Erkenntnis, dass auch
Menschen mit Assistenzbedarf als Fachleute in eigener Sache Lehrende sein
können, von denen wir lernen können und sollen. Eine wichtige Aufgabe ist es,
sich mit der eigenen Machtposition und den eigenen Machtansprüchen auseinander
zu setzen und die eigenen Positionen immer wieder zu hinterfragen. Wir müssen
uns die notwendige Fähigkeit aneignen, Macht zu teilen und auf die eigene Macht
verzichten zu können, zugunsten der Machterweiterung der Menschen, mit denen wir
arbeiten. Das ist ein schwieriger Prozess ? aber ein lohnenswerter.
Ein gutes Beispiel ist das Projekt „Circle of Support“. Das ist eine Gruppe von
Menschen, die sich regelmäßig trifft, um einem Menschen mit Assistenzbedarf bei
der Erreichung seiner Zielsetzung zu unterstützen. Das sind Aktivitäten im
Gemeinwesen wie Discobesuch, Einkaufen, Konzertbesuche oder Teilnahme an
Bildungsveranstaltungen. Es sind unterstützende Gemeinschaften auf lokaler
Ebene, von denen alle Akteure profitieren.
The Spirit of Co-operation bedeutet gemeinsames Handeln für die Vision eines
Menschen, das dann zur Vision für die Gruppe wird. Es ist ein Handeln nicht für
den, sondern im Auftrag des Menschen. Die Konstellation ist, dass nicht eine
Gruppe von Menschen mit Behinderungen mit einem Betreuer gemeinsam im
Gemeinwesen etwas unternimmt, sondern dass es eine Gruppe ist, die sich
zusammensetzt aus Menschen mit und ohne Behinderung, in der auch die Menschen
ohne Behinderungen in der Mehrzahl sind.
Die Großgruppe kann den Menschen Halt geben. Sie können bei Bedarf
Dolmetscherfunktion haben, bei Ängsten und Vorurteilen auf beiden Seiten
vermitteln. Wir haben gemerkt, dass durch die Großgruppen Unsicherheiten in der
Öffentlichkeit ausgeräumt werden konnten. Und wir haben festgestellt, dass diese
Großgruppen einen unheimlichen Zusatz und Zuwachs an Handlungs- und Erlebniserfahrungen für alle ermöglichen. Denn es findet dort statt, wo das
Leben stattfindet und nicht in einer therapeutischen Schutzsituation.
Ein anderer wichtiger Punkt ist die Erleichterung der Erschließung individueller
Fähigkeiten. Eine neue professionelle Herausforderung liegt darin, die Menschen
zu unterstützen, ihre individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entdecken
und einzubringen. Oft wurden in der Vergangenheit besondere Fähigkeiten von
Menschen gar nicht wahrgenommen oder uminterpretiert in negativ besetzte
Verhaltensweisen.
Ich habe sehr viele Menschen kennen gelernt mit künstlerischen und musikalischen
Begabungen. Die künstlerischen Begabungen bringen schon ein bisschen Unordnung
in die Heimsituation und bei den musikalischen geht es laut zu. Das ist im
Gemeinwesen ganz genau so. Wir erinnern uns bestimmt auch alle daran, dass wir
uns mit den Nachbarn auseinandersetzen und unsere Musik oder Kunst verteidigen
mussten. In der Heimsituation ist das oft nicht so einfach, da wird es verboten
und damit hat es sich. Wir sind dabei, dies zu verändern, was ich sehr positiv
finde. Bei Menschen mit schweren Behinderungen, mit
Kommunikationsschwierigkeiten oder ohne verbale Kommunikation sind solche
Entdeckungen oft nicht möglich, ohne ihr individuelles Kommunikations- und
Wahrnehmungssystem genau kennen zu lernen.
Es ist eine schwierige, aber spannende Sache, zu versuchen, dieses System eines
anderen Menschen kennen zu lernen.
Ein Erfahrungsfeld in unserer Arbeit ist es, neue Kommunikationsformen und neue
Kulturen kennen zu lernen, um dann das Spektrum der Wahrnehmung und des Kennens
in die eigene Praxis umsetzen zu können. Es ist förderlich, wenn die
MitarbeiterInnen die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln. Aber leider
haben ein paar meiner besten Studierenden, die ein sehr humanistisches
Menschenbild vertreten, oft kaum eine Arbeitschance, weil sie nicht der
christlichen Kirche oder einer anderen Religion aus der Vielfalt der
Weltreligionen angehören. Und das finde ich sehr schade, da es da offensichtlich
mit der Wertschätzung der Differenz bei der Caritas und der Diakonie aufhört.
Und es ist sicherlich wichtig, in der Caritas und der Diakonie in der Diskussion
zu bleiben.
Ich komme damit zur 4. Säule, der Öffentlichkeit. Ein Circulus vitiosus
entsteht, wenn Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft wenig präsent
sind, und die Menschen innerhalb und außerhalb der Institution durch diese
Abwesenheit keine Chance haben, ihre Berührungsängste, Unsicherheiten und
Vorurteile abzubauen. Die Gemeinwesen sind nicht ohne weiteres darauf
eingestellt, dass Menschen mit Behinderung plötzlich dort wohnen, leben und sich
artikulieren und verhalten. Hier liegen auch wieder viele Chancen, nass zu
werden, aber auch zu lernen, um das andere Ufer zu erreichen. Der Lebensstil von
Menschen mit Behinderung steht den Leitbildern von Menschen ohne Behinderung ?
Reichtum, Macht, Schönheit, Status ? oft diametral gegenüber. Viele sind arm,
entsprechen nicht den allgemein üblichen Schönheitsidealen und sind nicht
unabhängig, wagemutig, konsum- und tourismuserfahren. Ihnen werden oft
eingeschränkte soziale Rollen und eingeschränkte Gelegenheiten für soziale
Interaktionen zugestanden. Ihre Lebensstile haben völlig andere Qualitäten.
Aufgabe ist es, Interdependenzerfahrungen in der Öffentlichkeit zu ermöglichen,
bei MitbürgerInnen alte Einstellungen, die von Abwehr bzw. Almosendenken und
Mitleid getragen sind, zu durchbrechen. Wahrnehmungsassistenz in der Bevölkerung
ist dahingehend zu leisten, dass behinderte Menschen nicht mehr als Empfänger,
sondern als Anbieter wahrgenommen werden.
In England habe ich erlebt, dass eine blinde Museumsführerin uns ganz neue
Dimensionen der Wahrnehmung von Henry-Moore-Skulpturen ermöglicht hat. Ich
wundere mich immer, wie viele Zivildienstleistende in Einrichtungen gearbeitet
haben und dann anschließend einen Beruf in dem Bereich wahrnehmen. Oder
Menschen, die Kontakt hatten mit Menschen mit Behinderungen, in diesen Bereich
hinein gehen. Plötzlich entdecken sie, wie spannend das ist. Das ist auch für
mich Interdependenzerfahrung. Denn ich habe sehr viel davon, wenn ich mit den
Menschen zusammen bin. NachbarInnen erkennen über aktive Kontakte, dass
persönliche Beeinträchtigung nicht immer nur Last ist, sondern eine andere
Möglichkeit der Lebensbewältigung. Der Umgang mit eigenen, als Defizit
empfundenen Eigenschaften kann reflektiert und verändert werden. Ängste vor
menschlicher Nähe können bearbeitet werden.
Eine Botschaft ist auch, dass gegenseitige Hilfsbereitschaft Ausgrenzung
vorbeugt und Gefühle von Zugehörigkeit entwickeln kann, dass diejenigen, die zu
einer Zeit Hilfe anbieten, zu anderen Zeiten diejenigen sein können, denen
geholfen wird. Das ist auch etwas ganz wichtiges bei älteren Menschen im
Gemeinwesen, die nicht in Heimen leben müssen. Menschen mit Behinderungen sind
im Gemeinwesen öfter ganz offensichtlich und nicht bloß subtil, wie wir, auf
Assistenz angewiesen. Für sie ist ein Leben in anonymen singularisierten
Lebenswelten, in denen jeder einzelne isoliert für sich alleine handelt, nicht
möglich. Assistenzbedarf kann mit sozialen Interaktionen und Begegnungen
verbunden werden.
Es ist also festzustellen, dass die Präsenz von Menschen mit Behinderungen in
der Umgebung nach alternativen Wertemustern mit einer Schwerpunktsetzung auf
menschliche Interaktion und Interdependenzen verlangt. Coole, anonymisierende
und kommunikationslose Umwelten sind so für ein sinn- und bedeutungsvolles
Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung nicht geschaffen. Um gegen
die Singularisierungstendenzen der Gesellschaft zu wirken, besteht die Chance in
der Interdependenz. Durch die Einsicht eines gegenseitigen aufeinander
Angewiesenseins und eines gegenseitigen voneinander Lernens, also der
Wertschätzung von Vielfalt.
Neue Ansätze und neue Wege bringen eine durchaus positiv zu bewertende
Unsicherheit mit sich, wie wir tagtäglich immer wieder lernen, weil wir eben
nicht in diesen Situationen im Gemeinwesen nach Schablonen handeln können,
sondern immer wieder situativ neu entscheiden müssen. Es gibt keine
Patentrezepte für die Art von Arbeit und keine Förderprogramme, die wir nur mit
Inhalt füllen müssen.
Ich danke Ihnen.
Fragen aus dem Plenum
Sie erwähnten die zunehmende Anonymisierung und Singularisierung als Lebensform.
Wie bewerten Sie diese angesichts unseres Bestrebens nach mehr Interdependenz?
Das Problem mit der Singularisierung ist vorhanden, das Bestreben nach
Interdependenz auch. Ich kann jetzt mit einem Beispiel vielleicht einmal sagen,
wie man das andere an kleinen Schritten herbewegt hat. Menschen mit Behinderung
zogen in ein Wohngebiet, in dem es Probleme mit Einbrüchen gab. Es waren am
Anfang ziemliche Proteste gegen den Zuzug der drei Menschen, die schwer mehrfach
behindert waren. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass dieses Wohnhaus
den ganzen Tag belebt ist. Es gab die Möglichkeit, dass in dem Haus, wo die
Menschen den ganzen Tag gelebt hatten, Nachbarschaftshilfe geleistet wurde. Die
haben nämlich die Türen beobachtet. Und als zum ersten Mal ein Einbruch
verhindert wurde, hat sich die Meinung in diesem Wohnort ziemlich verändert.
Plötzlich verwandelte sich die Abwehr der Nachbarn in großes Interesse. Das ist
ein typisches Beispiel für Interdependenz. Die Nachbarn hatten eine
Notwendigkeit der Bewachung ihrer Türen. Und es gab eine Möglichkeit, die Türen
aus einer ganz gewöhnlichen Alltagssituation heraus zu bewachen. Es ist ein Hin
und Her von Abhängigkeit und Unabhängigkeit entstanden.
Was machen wir in einem Gemeinwesen, wo wir keine Fachhochschule und Studenten
oder vielleicht auch Gelder hinter uns hoben?
Ich wäre froh, wenn ich jetzt ein Rezept geben könnte, was jetzt gemacht wird.
Es wäre notwendig, sich die soziale Struktur anzusehen. Vielleicht gibt es
irgendwelche Möglichkeiten, Menschen zu finden, die ähnliche Aktivitäten
durchführen. Es wäre Arroganz, wenn ich jetzt sagen würde, machen sie bitte
irgendwelche Aufrufe in Zeitungen oder sprechen Leute direkt an oder schauen in
Kirchenzeitungen nach etc. Ich kann nur aus meinem Erfahrungsbereich
diskutieren. Ich habe das Glück, die Studierenden zu haben, das ist klar. Aber
es ist schon möglich, Personen zu finden über Zeitungen, Kirchengemeinden etc.
Mich würde der Unterschied interessieren zu Patengruppen, ehrenamtlichen
Gruppen, die es in meinem Erfahrungsbereich jetzt schon lange gibt. Wo liegt der
Unterschied oder ist es das gleiche? Das andere ist nur amerikanisiert.
Das kann sein. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob da ähnliche Ideen oder
Philosophien dahinter stecken. Das ist jetzt nur ein Beispiel für einen Inhalt
gewesen. Ob das Circle of Support oder anders heißt, ist sekundär.
Wie sieht Ihrer Meinung noch die konkrete Umsetzung Ihrer Ideale für Menschen
mit mehrfachen und schweren Behinderungen oder für Menschen mit extremen
Verhaltensauffälligkelten aus? Wie sieht es mit Menschen aus, die erst mal den
Normen unserer Gesellschaft nicht entsprechen? Menschen die Fremdaggressionen
haben, die sich einfach anders verhalten, die eine Gesellschaft, auch wenn sie
tolerant ist, vielleicht trotzdem nicht akzeptiert?
Mir fällt spontan eine Vision eines Gärtners in Dortmund ein, der sagt, er habe
festgestellt, dass die Pflanzen sich ganz anders entwickeln, wenn Menschen in
den Gewächshäusern sind. Er möchte fragen, ob Menschen mit schwerer
Mehrfachbehinderung gerne in Gewächshäuser gehen und dort herumfahren würden. So
würden sie Kontakt aufnehmen mit den Pflanzen. Das ist für meine Begriffe jetzt
noch etwas weit hergeholt. Aber ich habe mir Gedanken gemacht, ob das nicht
irgendwo eine Idee ist, die ganz interessant ist.
Was sind Ihre Erfolgskriterien für "Selbstbestimmung“?
Das ist eine Frage, die zu beantworten ich mir gar nicht zumuten will. Es ist
ganz wichtig, dass man die Menschen selbst fragt. Wenn Menschen sagen, ich lebe
selbstbestimmt, das was ich mache, ist selbstbestimmt, dann ist es
selbstbestimmt. Sonst wäre das wieder so ein Katalog.
Prof Dr. Evemarie Knust-Potter
lehrt Behindertenpädogogik an der FH Dortmund. Promovierte zum Thema „Community-Living".
Forschungsschwerpunkt: Autismus, Community Living, SelfAdvocacy,
Selbstbestimmung und Erwachsenenbildung für Menschen mit Behinderungen.
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